Belichtungsautomatik? M-Modus? Wie geht das?

Moduswahlrad mit Belichtungsautomatik einer Olympus PenF

Belichtungsautomatik – MASP – Vollautomatik -Was soll ich einstellen?

In den verschiedenen Fotoforen wird ein Thema immer wieder kontrovers diskutiert: die Entscheidung für oder gegen eine Belichtungsautomatik bzw. die manuelle Einstellung der Belichtung.
Einige Teilnehmer scheinen dabei schon fast eine Art Minderwertigkeitskomplex entwickelt zu haben.
In Diskussionen kommen dann manchmal Fragen wie “Ist man etwa zu doof zum Fotografieren, wenn man nicht ‚M‘ verwendet?
Das ist natürlich nicht der Fall. 

Um dem Eindruck entgegenzuwirken, ich hielte irgendjemanden, ob M-Verwender oder Automatiknutzer, für unfähig, möchte ich hier deshalb vorweg deutlich sagen (schreiben): Man kann die Belichtungsautomatiken verwenden und (trotzdem? oder deswegen?) hervorragende Bilder fotografieren!
Und auch mit „M“ wird man nicht automatisch(!) zum „M“eister!

Man ist also nicht zu doof zum Fotografieren, wenn man “M” nicht verwendet. Ich weiß, dass es eine Reihe ganz hervorragende Fotografen gibt, die mit Belichtungsautomatiken fotografieren. Und dass sie tolle Bilder aufnehmen.
Und es gibt M-Verwender, die trotz des vermeintlichen M-eistermodus ziemlichen M-ist machen.

Falsche Vorraussetzungen

Gerne wird bei Diskussionen in Foren oder bei Facebook darauf hingewiesen, dass es doch eigentlich keinen Unterschied zwischen M und Belichtungsautomatik geben würde.
Man könne zwar natürlich alle für die Belichtung relevanten Werte (Blende, Belichtungszeit, ISO) auch manuell so einstellen, dass der Belichtungsmesser (die Lichtwaage, siehe unten) auf “0” steht. Aber man könne diese Einstellung dann doch auch gleich die Automatik machen lassen. Das Ergebnis würde ja das gleiche sein.

Und so gesehen ist das ja auch völlig richtig.
Das Ergebnis wäre dann tatsächlich gleich. Dem Bild ist es ja herzlich egal, auf welche Art die gleiche Kombination von Blende, Zeit und ISO gemessen und eingestellt wird.

Manche Fotografen gehen bei der manuellen Belichtung ja sogar den (mMn. etwas sehr umständlichen) Weg, dass sie zuerst auf Automatik schalten, dann die Werte ablesen und diese dann für die manuelle Einstellungen übernehmen. Ist ein wenig von hinten durch die Brust ins Auge geschoßen. Aber doch, auch das geht. Und führt natürlich auch zum gleichen Ergebnis, genauso als würde man die Einstellungen direkt von der Automatik machen lassen.

Übersehen

Aber bei dieser Art des Vergleichs zwischen automatischer Belichtung und manueller Belichtungssteuerung wird etwas Grundlegendes übersehen.
Es geht nämlich eigentlich gar nicht um die Art, wie die Belichtung ermittelt und dann eingestellt wird. Vielmehr geht es darum, wie oft die Belichtung gemessen (und die Einstellungen gegebenenfalls geändert werden).
Es geht also nicht um das „Wie“ sondern eher um das „Wie oft“ der Messung und vor allem der Anpassung der Einstellungen!
Schauen wir uns das jetzt mal genauer an…

Warum braucht man eine Belichtungsautomatik?

Wenn man immer mit ein und derselben Belichtung fotografieren könnte, müsste man nie etwas an den Einstellungen von Blende und Belichtungszeit ändern. Die Automatik wäre völlig unnötig.
Und schon vor weit über 100 Jahren gab es entsprechende Kameras, an denen man die Belichtungseinstellung nicht ändern musste (und nicht ändern konnte), weder manuell noch automatisch.

Die Kodak Box wurde schon Ende der 1880er Jahre verkauft. Sie konnte nur mit einem Filmtyp mit einer festen Empfindlichkeit benutzt werden. Die Belichtungszeit war fest vorgegeben und die Blende konnte nicht verändert werden.

Solange man sich beim Fotografieren an die Vorgaben des Herstellers hielt, war alles in Ordnung. Man musste nur darauf achten, das man bei der richtigen Helligkeit, bei der richtigen Beleuchtungsintensität, fotografierte.
Kodak gab dafür strahlenden Sonnenschein aus Kamerarichtung vor. (Und einen Mindestabstand von zwei Metern, denn Fokussieren konnte man auch nicht.)

Aber wird das Bild dann nicht zu hell oder dunkel, wenn das Motiv selber heller oder dunkler ist?
Wenn man einen dunklen Anzug oder ein helles Kleid fotografiert?
Der dunkle Anzug reflektiert doch einen viel kleineren Anteil des Lichtes zum Film als das Kleid. Muss das nicht durch die Belichtung ausgeglichen werden?

Nein, genau das sollte nicht geschehen!
Der dunkle Anzug auf dem ersten Foto soll ja dunkel und das helle Kleid auf dem zweiten Bild soll ja hell werden. Würden wir dagegen die Helligkeiten (besser: das Reflektionsverhalten) der Objekte jeweils ausgleichen, würden beide Motive in gleicher Helligkeit abgebildet.
Dann würde der Anzug viel zu hell und das Kleid viel zu dunkel.
Wenn dagegen bei beiden Bildern unter konstanter Beleuchtung (Sonne im Rücken) die Belichtung konstant ist, wird das Kleid, weil es einen größeren Teil des auftreffenden Licht reflektiert, heller abgebildet. Und der Anzug reflektiert weniger Licht und wird dunkler.
Klingt vernünftig!

Warum die Belichtung ändern?

Aber aus welchem Grund sollte man die Belichtung dann überhaupt ändern?
Das muss man entweder weil sich die Helligkeit der Lichtquelle, also die Beleuchtungsintensität geändert hat. Dann würden alle Motivdetails im gleichen Masse heller oder dunkler.

Oder weil sich die Idee der Bildgestaltung geändert hat, weil man mit geänderter Schärfentiefe (Blende) oder Bewegungsdarstellung (Belichtungszeit) fotografieren möchte. Zu diesem zweiten Grund folgt mehr im nächsten Teil, hier bleibe ich thematisch bei der Anpassung an die Beleuchtungsintensität.

Geänderte Beleuchtung

Wenn die Sonne hinter dem Motiv stand (Gegenlicht) oder hinter Wolken verschwand, wenn man in den dunklen Wald oder gar in Innenräume ging, war mit der Box “Schluß mit lustig”. Die Bilder wurden dann durch die feste Kombination von Blende und Zeit (und der fixen Empfindlichkeit des eingelegten Films) falsch belichtet!
Das Problem trat in der Regel unbemerkt auf, denn vor Ort, beim Fotografieren, konnte man das damals gar nicht sehen, der Film musst ja erst entwickelt werden. Man sah es erst viel zu spät.
Und jede Fehlbelichtung war richtig ärgerlich. Nicht nur, dass es dann hinterher kein Foto gab, sondern man musste ja auch noch für den verschwendeten Film bezahlen.

Die Belichtung anpassen

Aber selbst wenn man es bemerkte, was konnte man denn machen, wenn sich die Beleuchtungsintensität änderte?
Mit der Box ging da ja nichts, es gab keine Einstellmöglichkeiten.
Aber zum Glück gab es andere Kameras, an denen man die Blende einstellen, also öffnen oder schliessen konnte. Und bei einigen Modellen konnte man sogar die Belichtungszeit einstellen. Wenn es dunkler wurde, konnte man mit diesen Modellen dann die Blende öffnen. Oder die Belichtungszeit verlängern. Oder beides gleichzeitig.
Trotz unterschiedlicher Beleuchtung wurde dann das Motiv  wieder richtig belichtet.
Großartig! Aber auch komplizierter!

Manuelle Belichtung

Manuell stellt man damals wie heute die Belichtung meistens mit Hilfe der Lichtwaage des Belichtungsmessers ein. Diese Anzeige dient bei Verwendung einer Belichtungsautomatik zum Ablesen der gewählten Belichtungskorrektur.

Illustration zu Nachführmessung mit Lichtwaage

Nachführmessung mit Lichtwaage, Abgleich auf “0” für ein im Durchschnitt mittelhelles Motiv

Bei der manuellen Einstellung der Belichtung zeigt sie dagegen an, ob und wie stark die eingestellte Kombination von Blende, Belichtungszeit und ISO von der Messung (also der “Wunscheinstellung”) des Belichtungsmesser abweicht.
Wenn der Zeiger auf Null steht, bedeutet das keine Abweichung, ein Plus-Wert zeigt, dass das Motiv heller abgebildet würde, als es der Belichtungsmesser für richtig hält. Und Minus bedeutet, das es dunkler wird.

Eine Anzeige nach Plus oder Minus kann durchaus auch für eine richtige Belichtung stehen. Der Belichtungsmesser gibt ja Werte für im Durchschnitt mittelhelle Bilder (mehr dazu weiter unten).
Eine Schneelandschaft wäre dann vielleicht schon zu dunkel, da wäre eine Abstimmung auf “+1” oder etwas mehr vermutlich besser.

Ilustration zur Belichtungskorrektur

Das linke Bild ist „normal“ auf „0“ belichtet, das rechte Bild auf plus eineindrittel.

Generell gilt es, auch bei der manuellen Belichtungseinstellung zu entscheiden, ob man  zuerst die Blende oder die Belichtungszeit festlegen will. Man stellt die Kamera auf einen niedrigen aber sinnvollen ISO Wert und wählt dann je nach Wunsch-Bildgestaltung entweder Blende (zur Steuerung der Schärfentiefe) oder Belichtungszeit (zur Darstellung der Bewegung) vor.
Den jeweils anderen Wert passt man dann unter Beobachtung der Lichtwaage an.
Und wenn sich kein sinnvoller Wert finden lässt, kann man evtl. noch einmal den ISO-Wert ändern. So kann man die Helligkeit der Bilder an die eigenen Ideen anpassen.

Mit großer Macht geht große Verantwortung einher!

Stammt das von Voltaire? Von Yoda? Aus Spiderman?
Egal, es stimmt jedenfalls auch in der Fotografie. Wenn man nicht aufpasst und die Veränderungen falsch vornimmt oder gar vergißt, werden die Fotos fehlbelichtet und alles im Bild wird zu hell oder zu dunkel.

Das konnte man zu Zeiten der analogen Fotografie vor Ort aber gar nicht sehen. (Sofortbildverfahren waren damals die Ausnahme und selbst damit dauerte es mindestens eine Minute bis zum fertigen (teueren) Bild.)
Belichten lernen war dadurch langwierig und teuer.
Da wäre es doch großartig, wenn das Belichten einfach automatisch ginge.

Fotografieren soll einfach sein

Die Fotoindustrie versuchte schon sehr früh, die Fehlerquellen aus dem Weg zu räumen, denn Kameras konnte man am besten verkaufen, wenn die Kunden glaubten, das fotografieren einfach ist.
Viele Dinge wurden dann bald über Symbole eingestellt. Man wählt halt schneller eine Sonne oder eine Wolke statt Blende 11 oder 5.6. In die Kameras wurden Belichtungsmesser eingebaut, so dass man keinen zusätzlichen Geräte mehr benötigte.
Und irgendwann kamen auch die ersten Belichtungsautomatiken.
Das machte die Kameras immer aufwendiger, aber die Fotoindustrie hatte natürlich auch nichts dagegen, in der Folge immer wieder ein paar neue und aufwendigere (und damit meist teurere) Fotoapparate zu verkaufen.
Und wenn damit bei den Kunden das Gefühl erzeugt würde, dass das Fotografieren dank der neuen Automatik noch einfacher sei, war das für den Verkauf weiterer Kameras auch nicht schlecht.
Man muss sich mal in diese Zeit zurück versetzen. Das ist erst einige Jahrzehnte her, aber es war vieles völlig anders.

Damals, als die Belichtungsautomatik erfunden wurde.

Die Belichtungsautomatiken wurden entwickelt, als der typische Haushalt nur einen Film pro Jahr belichtete.
Oft hatte damals die eine Fotosituation mit der später folgenden überhaupt nichts gemein. Auf das Bild mit strahlendem Sonnenschein im Urlaub folgte Wochen später ein einzelnes Dämmerungsfoto oder die geblitzte (mit Blitzbirnchen) Innenaufnahme.

Da konnte es dann schnell passieren, dass der ungeübte „Fotograf“ im Eifer des Gefechtes vergaß, die Belichtung vor dem Auslösen anzupassen. Und so wurde dann halt manchmal die abendliche Feiergesellschaft versehentlich mit Blende 11 und 1/250stel auf den 21 DIN-Film fotografiert, weil man so zuletzt die Allgäuer Berge im Sonnenschein fotografiert hat. (21 DIN entsprechen 100 ISO).
Und man merkte es erst Wochen oder Monate später, dass das Bild so viel zu dunkel wurde.

Heute hilft das Display

Heute würde der prüfende Blick aufs Display zeigen, das da was schief läuft. Damals hat man aber noch bis zum Ende des Films, also bis zum Ende des Jahres, warten müssen, um die Ergebnisse zu sehen.
Das schnelle Eingreifen war also nicht möglich, die Situation war vorbei und für alle Zeiten unterbelichtet.

Zwar gaben sich damals die Fotolabore große Mühe, um auch stark fehlbelichtete Bilder noch in verkaufbare „Abzüge“ umzuwandeln, aber die Möglichkeiten waren begrenzt.


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Da war es nicht schlecht, mit der Automatik zumindest bei durchschnittlichen Motiven und durchschnittlichen Helligkeiten (mittlere Helligkeit, 18% Reflektionsverhalten)  eine durchschnittlich richtige Belichtung per Automatik zu erhalten.

Warum durchschnittlich?

Illustration zu "Belichtungsmesser"

Ein Handbelichtungsmesser. Wenn hier die helle Kalotte vor dem Sensor war, konnte man eine Lichtmessung machen und direkt in Richtung zur Kamera die Beleuchtungsintensität messen. Die Fehler durch helle oder dunkle Motivdetails konnte man damit vermeiden. Die meisten in Kameras eingebauten Belichtungsmesser machen dagegen eine Objektmessung.

Die in den meisten Kameras verbauten Belichtungsmesser werden auf durchschnittlich hell, auf mittelhell, geeicht.
Das heisst, dass die Ergebnisse ihrer Messung zu einer Belichtung führen, die den gemessenen Bereich (in den meisten Fällen ist das der gesamte fotografierte Motivausschnitt) im Durchschnitt aller unterschiedlich hellen Flächen mittelhell wiedergeben.

Der Belichtungsmesser weiß nicht, dass eine schwarze Pappe schwarz ist. Es könnte ja auch eine schwach beleuchtete mittelhelle Pappe sein. Oder eine noch schwächer beleuchtete weiße Pappe.
Und eine weiße Pappe? Das könnte auch eine stark beleuchtete mittelhelle Pappe sein.

Voraussetzung

Bei der Eichung der Belichtungsmesser geht man davon aus, dass die meisten Motive vermutlich nicht rein Weiß in Weiß oder Schwarz in Schwarz sein werden. Sie setzen sich vermutlich vielmehr aus unterschiedlichen Anteilen unterschiedlicher Helligkeiten zusammen. Die Motive werden sich also mehr oder weniger eng um den Durchschnitt, um Mittelhell herum gruppieren.
Deshalb ist es sinnvoll, den Belichtungsmesser nicht auf Weiß oder Schwarz zu eichen, sondern auf dieses Mittelhell.
Eine mittelhelle Fläche in einem Motiv wird dann im Bild auch mittelhell wiedergegeben. Hellere Bereiche im selben Motiv werden heller, dunklere Bereich dunkler. Ein Schachbrett mit gleichmässigen Anteilen von Weiß und Schwarz wird in Weiß und Schwarz (im Durchschnitt also mittelhell) wiedergegeben.
Das gilt auch für das klassische Brautpaar in weißem Kleid und schwarzem Anzug.

Aber bei dieser Art der Eichung wird auch ein Motiv, das überwiegend aus Schwarz in Schwarz oder Weiß in Weiß besteht, mittelhell wiedergegeben. Und das wäre dann falsch. War aber zu Zeiten der analogen Fotografie für viele nur ein verborgener Fehler, den sie kaum bemerkten.

Und wenn die Motive vom Durchschnitt abweichen?

Selbst wenn dann mal ein Bild um ein oder zwei ganze Belichtungsstufen (EVs/LWs) nach oben oder unten daneben lag (weil das Motiv mal nicht im Durchschnitt mittelhell war) war das kein Weltuntergang.
Den Fehler bügelten der „gnädige“ analog Farbnegativfilm und das Labor hinterher meist schon aus. Man wollte schließlich Abzüge verkaufen und die durch dieses “Retten” ausgrauenden Lichter und verblauenden Tiefen hat eh kaum jemand bemerkt.

Man konnte es daher in Kauf nehmen, das viele Bilder (durch die Automatik) nicht ganz richtig belichtet wurden, wenn man dadurch vermeiden konnte, das stärkere, auch vom Labor nicht mehr zu rettende Ausreißer auftraten.
Wenn man aber die Anpassung der Belichtung komplett vergass, konnten die Fehlbelichtungen viel gravierender sein. Vielleicht unrettbar.
Zu der Zeit war die Automatik also eine gute Alternative zur evtl. vergessenen manuellen Einstellung.
Erst recht, da ja jede Kontrollmöglichkeit vor Ort fehlte und man die Ergebnisse evtl. erst viel später zu sehen bekam.
Zu der Zeit war die manuelle Belichtungssteuerung einfach schlecht zu kontrollieren und oft mit Fehlern verbunden, wenn nicht gleich die ganze Messung wegen mangelnder Übung schlicht und einfach vergessen wurde.
Kein Wunder also, dass sich viele über die neuen Automatiken freuten.

Und es fehlte vor allem auch fast immer der große Vorteil, den die manuelle Belichtungssteuerung dann hat, wenn man mehrere Bilder unter gleichbleibender Beleuchtung fotografiert.
Das kam halt nicht sehr oft vor, dazu wurde im Schnitt einfach viel zu wenig fotografiert. Die Situationen und damit die Lichtquellen und Beleuchtungsintensitäten wechselten meist von Bild zu Bild.

Heute in Digitalesien

In der heutigen Digitalfotozeit sieht es anders aus. Gleich drei wichtige Dinge haben sich geändert.

  1. Rettung ist schwerer
    Es gibt kein Labor mehr, das aus nacktem Eigeninteresse Fehlbelichtungen rettet. Statt dessen muss meist der Fotograf selber versuchen, das Bild in der Software zu retten.
    Und da sind die Möglichkeiten heute in einigen Bereichen eingeschränkter als früher mit Film. Der Sensor ist z.B. gerade in dem (im späteren Bild auffälligen) hellen Bereich nicht so gnädig wie der Negativfilm. Er zeigt rücksichtslos die ausbrennenden Lichter. Bei kritischen Motiven muss man deshalb präziser belichten. (Und sollte auf jeden Fall RAW verwenden.
  2. Kontrolle ist möglich
    Es gibt die Möglichkeit, das Bild direkt vor Ort zu kontrollieren. Und das sogar mit einer sehr ausführlichen und präzisen Kontrollansicht, die mit 
    Histogramm und Clippinganzeige dem früheren “Pola” der Profis weit überlegen ist
  3. Kosten nahezu null
    Die einzelne Belichtung kostet quasi nichts mehr. Man kann (und wird!) also mehr fotografieren.
    Und so werden zwischen den einzelnen Bildern nicht mehr Tage oder Wochen liegen, sondern manchmal nur Minuten.
    Bei einem Spaziergang am Strand oder über die Almwiesen wird man bei schönen Wetter schnell auch mal ein paar Dutzend Bilder mit gleicher Lichtquelle, mit gleicher Beleuchtungsintensität aufnehmen.

Ein Beispiel

Aprospo Almwiesen, schauen wir uns diese Situation mal genauer an.
Die Sonne scheint, immer wieder ziehen ein paar weiße Wölkchen über den blauen Himmel und die Almwiese liegt malerisch im Licht.
Schnell ein Foto gemacht.

Solange die Helligkeiten gleichmässig verteil sind, das Motiv uns mittelhell erscheint, ist alles gut. Denn die Belichtungsmesser der meisten Kameras sind auf mittelhell geeicht. Die Kamerahersteller gehen davon aus, dass nur wenige Leute Weiß-in-Weiß oder Schwarz-in-Schwarz fotografieren werden.

Schneelandschaften z.B. werden wegen dieser Abstimmung auf mittelhell oft etwas zu dunkel, wie die Illustration weiter oben zeigt.
Das kann man zum Glück später in der Ausarbeitung der RAW-Daten oder Bearbeitung des JPEG-Bildes mit einer Helligkeitskorrektur oft beheben. Meist kein großes Problem.

Zu hell ist dagegen viel schlimmer. Die Wölkchen werden dann evtl. weiß. Richtig weiß! Und in diesem Weiß gibt es keine Abstufungen mehr, keine unterschiedlich hellen Bereiche, die man später wieder herstellen kann.
Die Wolken verlieren so jede Schattierung. Und damit verschwindet auch ihre Räumlichkeit, ihre Form , ihr „Körper“. Das ist ziemlich blöd, wenn dann hinterher nur noch ein weißer strukturloser Flatschen über der Landschaft schwebt.

Illustration zu Belichtungsautomatik und geänderter Bildausschnitt

Belichtungsautomatik und geänderter Bildausschnitt.

Bei der vorangehenden Illustration wurde die Kamera im Automatikmodus verwendet. Das erste Bild zeigt eine im Durchschnitt mittelhelle Szene, da passt die von der Automatik übernommene Angabe des Belichtungsmessers.
Fürs zweite Bild wurde der Bildausschnitt mit einem kleinen Schwenk nach rechts geändert. Die dunkle Hütte kommt ins Bild, der Belichtungsmesser sieht dadurch “weniger Licht” und die Automatik ändert deshalb die Belichtung in Richtung reichlicher.

Dadurch werden alle Flächen heller wiedergegeben. Vor allem die Wolken werden zu rein weißen Flächen ohne Zeichnung, mit den bereist genannten Konsequenzen, sie verlieren (unrettbar) ihre Schattierungen und damit ihre Räumlichkeit.

Gutes Beibehalten

Die Lösung wäre ganz einfach: Die Belichtung nur einmal messen und fest einstellen. Und zwar so, dass die Wolken hell, aber nicht körperlos weiß werden. Und mit dieser Belichtung dann solange fotografieren, wie die Wolken von der Sonne beleuchtet werden.
Die Belichtung wird also für die Intensität der Beleuchtung festlegt. Und danach wird der Belichtungsmesser ignoriert.

Wäre das bei dem Bilderpaar oben so gemacht worden, wäre die Wolke (und die Wiese und der Himmel und …) auf dem rechten Bild so wie auf dem Linken.
Klappt wunderbar, denn die Beleuchtung hat sich zwischen den beiden Bildern ja nicht geändert.

Kontrolle und Konstanz

Ein ganz wichtiger Vorteil der Digitalfotografie ist die Möglichkeit, das Bild sofort nach dem Auslösen kontrollieren zu können. Gerade auch in Bezug auf ausbrennende helle Bildbereiche wie bei den Wolken. Glücklicherweise können viele Digitalkameras diese Problemstellen auf dem Kameradisplay deutlich sichtbar hervorheben. (Siehe diese Seite zur Clippinganzeige aus meinen Tipps zur Urlaubsfotografie.)

Wenn man dann nach der Kontrolle die Belichtung manuell richtig eingestellt hat, kann man unbeschwert und ohne weitere Kontrollen und Änderungen fotografieren. Die Belichtung bleibt ja konstant (und somit konstant richtig), weil sie manuell festgelegt wurde.
Man kann das Thema Belichtungsmessung erst einmal vergessen.

Oft sogar für lange Zeit.
Die Wolken bestehen ja den ganzen Tag über aus Wasserdampf und reflektieren deshalb das Licht immer gleich intensiv. Und die Sonne wird ihre Helligkeit über einen großen Teil des Tages erfahrungsgemäss auch nicht ändern.
Die Wolken sollen vermutlich auch auf allen folgenden Bildern zwar hell aber nicht körperlos weiß erscheinen. Da kann man den einmal gefundenen Belichtungswert (oder auch Variationen davon, dazu später mehr) einfach beibehalten.

Bis sich die Beleuchtungssituation ändert.
Ein zugezogener Himmel oder ein Weg durch den Wald wäre dann das Signal zu einer neuen Belichtungsmessung. Bis dahin aber kann man unbeschwert darauf verzichten.

Immer wieder neu

Das funktioniert aber nur manuell und nicht mit der Automatik. Die misst ja bei allen(?) Kameras bei jedem Druck auf den Auslöser neu. Und greift dann auch (unnötigerweise) in die Belichtung ein.

Wenn also bei Einsatz der Belichtungsautomatik (evtl. mittels der Belichtungskorrektur) für einen Motivausschnitt eine richtige Einstellung gewählt worden war, wird diese Einstellung nach einer neuen Messung mit geändertem Ausschnitt evtl. geändert und dann nicht mehr passen.

Das kann vorkommen, wenn sich die Helligkeitsverteilung im Bild ändert und der Motivausschnitt in seiner durchschnittlichen Helligkeit vom vorher fotografierten Ausschnitt abweicht. Zum Beispiel weil, wie im oben  gezeigten Beispiel, eine dunkle Hütte ins Bild kommt.
Mit Belichtungsautomatik muss man also viel öfter (eigentlich fast immer) kontrollieren und evtl. neu korrigierend eingreifen.

Wechselnde Korrekturwerte

Illustration: Das Belichtungskorrekturrad an einer Olympus Pen-F

Manche Kameras haben für die Belichtungskorrektur spezielle Einstellräder, so wie hier an einer Olympus Pen-F (*). Praktisch. Aber noch praktischer, wenn man die gar nicht benutzen muss.

Das Problem an der Belichtungsautomatik ist also nicht, dass der Belichtungsmesser falsch misst. Das würde sich bei der manuellen Belichtungseinstellung ja genauso auswirken.

Das Problem ist vielmehr, dass mit der Belichtungsautomatik bei jedem Druck auf den Auslöser neu gemessen wird. Und so, je nach durchschnittlichem Reflektionsverhalten, evtl. jedesmal neu ein anderer Korrekturwert ermittelt und eingestellt werden muss.

Wird der Ausschnitt geändert, wird ein größerer Teil des Bildes von der dunklen Hütte ausgefüllt, dann wird das Ergebnis deutlich heller. Wird ein kleinerer Teil dunkler, wird das Bild weniger stark aufgehellt. Kommt eine Schneefläche ins Bild, wird das Foto gar dunkler.
Jedesmal muss man anders korrigieren. Das ist einfach umständlich und langwierig (also eben gerade nicht einfach).

Langsame Landschaft

Oft kommt der Hinweis, das man bei einer Landschaftsaufnahme ja auch genügend Zeit zum manuellen Belichten hat.
Einfache Antwort: Ja, das ist es richtig. Man hat bei Landschaftsfotos meist mehr Zeit.
Ich möchte ergänzen: “Oft hat man sogar genug Zeit, um einen passenden Korrekturwert gegen die unerwünschten Änderungen durch die Belichtungsautomatik zu ermitteln.” ;-)
Aber durchdenken wir ruhig mal ein anderes Beispiel, das etwas dynamischer ist.

Schwarz und weiß

Eine Hochzeit. Die Braut im weißen Kleid und der Bräutigam im schwarzen Anzug. So ein Brautpaar ist (genauso wie ein Schachbrett ;-) ) eines der Lieblingsmotive der Belichtungsmesser, da es in der Summe ungefähr mittelhell ist.
Darauf ist der Belichtungsmesser geeicht, er wird ein mittelhelles Ergebnis erzeugen, also werden auf dem Bild ein helles Kleid und dunkler Anzug zusehen sein. Perfekt!

Wenn jetzt aber die Väter mit ins Bild kommen, haben wir drei schwarze Anzüge und ein weißes Kleid. Damit ändert sich das Messergebnis des Belichtungsmessers, die Belichtungsautomatik wird reagieren und das Bild intensiver, heller belichten.
Mit etwas Pech wandert das Kleid jetzt ins “Clipping”, es wird rein weiß. Die Struktur des Stoffes und der Stickereien geht verloren. Im Extremfall verlieren wir auch noch die Schattierungen.
Die Braut scheint dann, wenn es ganz hart kommt, hinter einer in Kleidform ausgeschnittenen und weiß lackierten Holzplatte zu stehen. Oben ist der Kopf zu sehen und Arme und Beine schauen hinter der “Kleidplatte” hervor.

Gut, im Kontrollblick aufs Display der Digitalkamera sehen wir das Clipping und können die Belichtungsautomatik per Korrekturwert anpassen. Blöd, aber machbar.
Doch was ist das?
Beim erneuten Blick durch den Sucher sehen wir nach der Anpassung der Korrektur, dass in der Zwischenzeit auch noch die Brüder und Cousins ins Bild gekommen sind. Acht schwarze Anzüge und nur ein weißes Kleid. Eine neue Korrektur wird nötig.
Und so weiter und so fort…

Mit manueller Belichtung hätten wir dagegen nach der ersten Einstellung und Kontrolle der Werte in der Folge einfach nur den Belichtungsmesser ignoriert und mit unveränderten Werten weiterfotografiert. Denn weiße Kleider und dunkle Anzüge verändern ja nicht ihre Helligkeit, nur weil sich ihre Anzahl ändert.
Wir hätten, ohne eingreifen zu müssen, immer ein konstantes Ergebnis, ein helles Kleid und dunkle Anzüge.

Der “Back-Button” für die Belichtungsautomatik fehlt

Der Belichtungsautomatik fehlt eine Art Back-Button-Belichtungssteuerung analog zum Back-Button-Autofokus.
Damit könnten wir dann die Belichtungsmessung quasi vom Auslöser trennen und nur dann eine neue Messung (und automatische Einstellung) veranlassen, wenn wir es für sinnvoll halten, zum Beispiel weil sich die Situation, speziell die Beleuchtung, geändert hat.
Wenn ein solcher Knopf vorhanden wäre, könnten wir die Automatik fast genauso gut und schnell einsetzen wie die manuelle Belichtung.
[Anmerkung: Natürlich hätten wir dann, wenn man es genau nimmt, keine Automatik mehr, sondern vom Fotografen festgelegte Belichtungswerte, also “M”. Nur die Art der Einstellung der festen Werte hätte sich geändert.]

Doch diesen “Back-Button” für die Automatik gibt es nicht (ist mir zumindest nicht bekannt) und so müssen wir mit der Automatik immer wieder aufs Neue zeitraubend die Belichtung überprüfen und evtl. eingreifen. Wenn wir Pech haben, nach jedem Druck auf den Auslöser,.
Mit manueller Belichtung können wir statt dessen einfach weiter fotografieren. Und kümmern uns erst dann wieder um den Belichtungsmesser, wenn sich die Beleuchtung ändert.

Automatisch langsamer

Man kann also prinzipiell mit der Automatik genauso präzise belichten wie manuell. Aber wenn sich das Reflektionsverhalten im Bildausschnitt ändert (zum Beispiel durch einen kleinen Kameraschwenk)  und von dem abweicht, was der Belichtungsmesser erwartet, braucht man mit der Automatik mehr Zeit.
Evtl. sogar viel mehr Zeit, weil man bei sich dynamisch ändernden Situationen für fast jedes Bild eine neue Belichtungskorrektur einstellen muss.

Der Grund, der aus meiner Sicht heutzutage gegen die Belichtungsautomatik spricht, ist, wie schon oben geschrieben, also nicht das „wie“ der Messung. Es ist vielmehr das „wie oft“ der Änderung der Einstellungen, wodurch die Automatik umständlich und langsam wird.

Früher war es ein Grund für die Automatik, dass Fehler erst später entdeckt werden konnten. Auch das hat sich geändert. Sollte heutzutage ein Einsteiger die Belichtungsmessung vergessen, wäre das zwar ärgerlich, aber im Gegensatz zur analogen Zeit wäre das kein völliges K.O..
Er würde ja die Auswirkung auf dem Display direkt sehen und könnte sofort eine weitere, dann hoffentlich richtige Belichtung machen.

Ausblick

Und was ist, wenn man die Belichtungswerte ändern will? Die Blende für eine andere Schärfentiefe anpassen will? Oder die Belichtungszeit, um die Darstellung von Bewegung zu beeinflussen.
Dann muss man, so wird oft behauptet, bei der Automatik doch nur an einem Rad drehen.
Manuel ist das angeblich viel umständlicher und man müsse wieder alles neu machen und einstellen und mit den ganzen Zahlen jonglieren etc. ppp.

Aber das stimmt nicht.
Wenn man einmal manuell die passenden Werte eingestellt hat, ist es im Gegenteil sogar recht einfach, wenn man danach die Bildgestaltung über Blende (Schärfentiefe) oder Belichtungszeit (Bewegungsdarstellung) ändern möchte,
Wer bis drei (gut evtl. auch mal bis 12 oder 15 ;-) ) zählen kann, kann auch die Belichtungswerte an die geänderten Bildvorstellungen anpassen.
Ganz ohne neu messen zu müssen.
Und die Blendenreihe muss er dabei auch nicht auswendig kennen.
Dazu mehr im nächsten Text zum Thema, demnächst. (Möchtest Du auf dem laufen bleiben? Dann melde Dich zum Newsletter an unter “Auf dem Laufenden bleiben” (am Rechner oben rechts, am mobilen Geräte weiter unten unten).


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Die für richtig belichtete Fotos relevanten Themen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

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Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

/ 12. Jul 2018

2 Gedanken zu „Belichtungsautomatik? M-Modus? Wie geht das?

  1. Roger

    Sehr schöner Artikel. Aber es gibt die “Back Button Belichtung” – die AEL-Funktion….zumindest bei Olympus kann man das so einstellen, dass die Belichtung so lange gespeichert bleibt, bis man den Speicher abschaltet. Und beim richigen Modus verwandelt sich die Taste bei MF in eine Back Button Focus Taste.

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