Fragen aus dem ARD-Morgenmagazin (Teil 4) – Bildausschnitt

Fenster zum Hof

Es wurde auch abseits des Messetrubels fotografiert

Bei meinem „Gastspiel“ im ARD-Morgenmagazin war es leider nicht möglich, alle Zuschauerfragen live vor Ort zu beantworten. Die Antworten auf diese Fragen hole ich hier nach und nach nach.

Von Herrn M. aus Bayern:
Woran kann es liegen, wenn der speziell gewählte Bildausschnitt auf dem Bild im Nachhinein ein anderer ist?

Ohne die Art des Bildes und den Kameratyp zu kennen, auf den sich diese Frage bezieht, ist es etwas schwierig, darauf zu antworten, ich werde deshalb auf die verschiedenen Möglichkeiten eingehen, die zu dieser Frage passen könnten.

DSLR

Bei digitalen Spiegelreflexkameras (DSLRs) sparen die Hersteller gerne an den Kosten und an der Baugröße der Kamera. Beides kann man mit einem kleineren Sucher erreichen, der nur einen Teil des Bildes wiedergibt. Manche Kameras zeigen deshalb im Sucher nur 95% oder auch noch weniger des späteren Bildes an.
Wenn man ein Bilddetail bewusst an den Bildrand setzt, hat es bei einer solchen Sucherkonstruktion auf dem resultierenden Bild evtl. noch ordentlich Abstand vom eigentlichen Bildrand.
Zu Zeiten der Fotografie auf Film haben die Kamerahersteller diese verkleinerten Sucher sogar verteidigt („It’s a feature, not a bug!“). Die Argumentation lautete, dass so rund um das Bild Filmbereiche frei blieben, die den Maschinen der Großlabore „Greiffläche“  während der Herstellung der Vergrößerungen böten.

Interessanterweise ist auch bei Verwendung von Liveview (also bei Nutzung des Displays als Sucher) an manchen Kameras noch ein auf dem Display nicht angezeigter Randbereich ums eigentliche Bild.
Hier sollte es ja eigentlich möglich sein, wirklich 100% anzuzeigen. Warum das nicht geht, kann ich mir nicht erklären, aber vielleicht weiß ja einer der Leser mehr und teilt uns das in den Kommentaren unten mit.

Liveview

Liveview
Die meisten Fotografen mit Kompaktkameras nutzen zur Wahl des Bildausschnitts etc. das Display der Kamera, nur selten wird der Sucher benutzt (wenn überhaupt noch einer an der Kamera ist).
Bei Spiegelreflexkameras ging das in der Anfangsphase der Digitalfotografie noch nicht, es gab keine Möglichkeit, das Bild, das der Aufnahmesensor sieht, noch vor der Aufnahme auf das Display zu übertragen. Seit über 10 Jahren ist das aber an einer immer weiter wachsenden Zahl von DSLRs möglich.
Diese Wiedergabe des Sucherbildes noch vor dem Fotografieren heißt „Liveview“. Es ist sehr praktisch für Aufnahmen aus ungünstigen Blickwinkel oder mit aufgesetzter Schutzbrille oder …
Aber es hat auch Nachteile, vor allem in Bezug auf die sich drastisch verkürzende Akkulaufzeit und in Bezug auf das Bildrauschen. Durch Liveview wird der Sensor relativ stark erwärmt, es kommt zu stärkerem Rauschen.
Bei einigen Kameras erlaubt Liveview in Verbindung mit einer Lupenfunktion ein sehr präzises manuelles Scharfstellen.
(Aus dem „Fotolehrgang im Internet“)

Sucherkameras 1

Fuji X100

Sucherkameras mit optischem Durchsichtssucher haben gerade im Nahbereich keine Möglichkeit, ganz genau das zu zeigen, was das Objektiv sieht. Zum einen blickt der Sucher am Objektiv vorbei, so dass eine Parallaxe entsteht.

Parallaxe

Parallaxe
Mit diesem Begriff meint man in erster Linie das Auftreten von Unterschieden zwischen Sucherbild und Aufnahme, die sich im Nahbereich bei der Verwendung von Sucherkameras ergeben.
Durch den Sucher sieht man die Blüte einer Rose, doch vor dem Objektiv, und somit auf dem Film, ist nur der Stengel.

Durch die Parallaxe zwischen Sucher und Objektiv sieht der Fotograf die Blüte, fotografiert wird aber der Stängel. (Illustration aus dem „Fotolehrgang im Internet“.

Durch die Parallaxe zwischen Sucher und Objektiv sieht der Fotograf die Blüte, fotografiert wird aber der Stängel. (Illustration aus dem Fotolehrgang im Internet“.)

Und zum anderen zeigt der Sucher oft ein größeres Bildfeld an, in dem der eigentliche Bildausschnitt dann mit Linien markiert ist.
Das ist für manche Fotogenres wie z.B. Streetphotography evtl. nützlich, da man sehen kann, was demnächst ins Bild laufen wird.
Aber für den präzisen Gestalter, der womöglich vom Stativ fotografierend den genauen Ausschnitt bestimmen möchte, bedeutet das, dass er sein gewünschtes Bild erst nach Beschnitt der von der Kamera erzeugten Daten erhält.

Sucherkameras 2

Sucherkameras ohne optischen Sucher und Brigdekameras und viele Systemkameras bieten ausschließlich elektronische Sucher, mit den man den Bildausschnitt präzise beurteilen können sollte. Leider zeigen auch diese oft nicht 100% des späteren Bildes an.
Warum ist mir ebensowenig erklärlich wie bei der Verwendung von Liveview an DSLRs. (Hat jemand eine Idee?)

Ausbelichtung

Wenn man Vergrößerungen machen lässt, haben die Standardfotoformate unterschiedliche Seitenverhältnisse. Beispiel: Ein 9*13 Bild hat ein anderes Seitenverhältnis als ein 10*15. Bildbereiche die im größeren Format noch sichtbar sind, werden im schmaleren (Querformat) 9*13 links und recht nicht aufs Bild passen.
Und die unterschiedlichen Formate der Aufnahmesensoren (Seitenverhältnisse von ~2:3 bei vielen DSLRs und ~3:4 bei manchen Kompakt-, Bridge- und Systemkameras sowie oft zuschaltbare Sonderformate wie 16:9 oder diverse Panoramabreiten) machen das ganze noch komplizierter.

Die verschiedenen Seitenverhältnisse unterschiedlicher Sensoren und Papierformate. 3:2 ist in etwa das Format der meisten DSLRs und des beliebten 10*15 Papierformats, 3:4 finden wir bei Kompakt-, Bridge- und Systemkameras sowie in etwa im DIN A4 Papierformat, 16:9 haben viele Kameras als Alternativformat und es wird im TV verwendet. 13:9 schließlich entspricht dem ebenfalls beliebten 9*13 „Abzügen“.

Bei den durch die Papiergrößen (und die Tradition) vorgegebenen Bildformaten entscheiden sich die meisten Anbieter von Ausbelichtungen (von „Vergrößerungen“) dann für ein  Beschneiden des Bildes. Die Alternative wären schwarze Ränder auf den anderen Seiten (möglich wären aber wohl auch weiße Ränder).
Die Entscheidung des Dienstleisters ( wenn der Kunde nichts anderes vorgibt), fällt leicht, die schwarzen Ränder würde jeder sofort bemerken. Den Wegfall am Bildrand dagegen erkennen nur die wenigen, die ihre Bilder auch an den Rändern bewusst gestalten.

Abhilfe

Wenn die Probleme durch die Kamera verursacht werden, kann man nicht viel mehr tun, als zu versuchen, das schon bei der Aufnahme zu berücksichtigen.
Die unterschiedlichen Bildformate kann man dagegen bei der Ausarbeitung der Bilder durchaus noch berücksichtigen. Manchmal ist es dann sogar praktisch, wenn die Kamera den oben angeführten Fehler hat („It’s a feature, not a bug!“) und deshalb rundherum etwas mehr auf das Bild kam, als geplant war.
Einige Dienstleister bieten (meist gegen Aufpreis) auf der Basis der Breite der verarbeiteten Papierrollen auch andere Formate, zum Beispiel statt 10*15 auch 10*13 oder 10*16/17/18 etc..

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Wenn man ganz präzise Bildformate und Positionen von Bilddetails am Bildrand braucht, kann es helfen, dass Bild in ein größeres Papierformat einzupassen und dann dieses größere Format ausbelichten zu lassen. Man hat dann evtl. viel Rand, den man aber später mit entsprechendem Werkzeug präzise wegschneiden kann.

Den richtigen Bildausschnitt finden

Das Beschnittwerkzeug wird oft mit zwei Auswahlwinkeln dargestellt.

(Nach meinem Tipp:  „Der richtige Bildausschnitt“ aus der Seite der Fotoschule-Ruhr)

Die meisten Auswahlwerkzeuge markieren, wenn man sie einschaltet, zuerst einmal das gesamte Bild. Man arbeitet sich dann nach und nach von außen nach innen vor und macht das Ausschnitt immer enger. Das ist der klassische Web den Bildausschnitt zu finden.

Doch manchmal fällt es schwer sich zu entscheiden.
Dann kann Dir vielleicht ein etwas anderes Vorgehen helfen, den passenden Bildausschnitt festzulegen.

Wähl einfach mal möglichst eng nur den Teil des Bildes aus, der das Hauptmotiv darstellt.
Und jetzt überlege, was Du noch gerne zusätzlich in dem Bild sehen möchtest. Verschieb die Anfasser des Beschnittwerkzeuges nach und nach immer weiter nach außen.
Wenn etwas störend ins Bild kommt, hörst Du an der Seite mit der Erweiterung auf.

Durch diese simple Umkehrung der üblichen Vorgehensweise wirst Du nicht mehr von den vielen Bilddetails abgelenkt. Du kannst so vom wichtigsten Motivdetail aus das Bild neu bzw. anders aufbauen.

Das ist aber nicht für alle Fälle die richtige Vorgehensweise. Soll zum Beispiel nur etwas störendes am Rand weggeschnitten werden, wäre es auf diese Art umständlicher.
Aber gerade für schwierige Bilder, bei denen nicht auf den ersten Blick klar ist, wie der Bildausschnitt aussehen soll, ist dieses Verfahren eine hilfreiche Alternative.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Die für richtig belichtete Fotos relevanten Themen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

 

Zu Teil 1 der Reihe
Zu Teil 2 der Reihe
Zu Teil 3 der Reihe
Zu Teil 4 der Reihe
Zu Teil 5 der Reihe

Wird fortgesetzt….

/ 17. Aug 2017

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