OOC – wieso weshalb warum?

Lesezeit: ca. 8 Minuten
Illustration zu: "Ein Bild "Out Of Cam""

Ein Bild „Out Of Cam“

Immer mal wieder stößt man (nicht nur) in den sozialen Medien rund um die Fotografie auf den Begriff „OOC“. Diese Abkürzung wird meist für die Kennzeichnung  „Out Of Cam(era)“ eingesetzt.
Damit werden dann Bilder versehen, die ohne weitere Eingriffe des Fotografen oder einer anderen Person direkt in der Kamera erzeugt werden.
Klassischerweise sind das die JPEGS, die ohne weiteres Zutun des Fotografen nach der Belichtung auf die Speicherkarte geschrieben werden.

Aber was ist daran besonders? Ist das nicht eigentlich das normalste von der Welt?
Jede Digitalkamera, jedes Smartphone erzeugt die Bilder nach dem Auslösen doch ohne weitere Eingriffe. Oder nicht?

Sofortbild?

Die Frage ist durchaus berechtigt, gerade auch die Kameramodule in den Smartphones erwecken ja diesen Einruck der Direktheit des Bildes. Es reicht ja, den Auslöser zu drücken (oder Touchscreen anzutippen) und schwuuuuups, das Bild ist da.
Motiv -> Auslösen -> Bild
Ganz ohne weitere Eingriffe, anscheinend gibt es da nix dazwischen.

Wirklich?

Doch ganz so einfach ist es dann nicht. Wenn man sich den Prozess der Entstehung eines digitalen Foto etwas genauer ansieht, dann ist das keinesfalls so direkt.
Auslösen -> Bild“ stimmt nicht, es ist komplizierter als es auf den ersten Blick erscheint.

Und egal ob im Kameramodul eines Smartphones oder in einer „normalen“ Digitalkamera, die Vorgänge sind dabei dieselben, schauen wir uns das mal an.

Fotografieren …

Illustartion zu "Noch ein Bild "Out Of Cam"

Noch ein Bild „Out Of Cam“

Der Sensor der Digitalkamera zerlegt das Motiv in ein Raster aus Millionen kleiner quadratischer Flächen (die späteren Bildpunkte). Bei 24 Megapixel sind es so 24.000.000 dieser kleinen Quadrate.
Jedes dieser quadratischen Bildpunkte auf dem Sensor ist eine Art Solarzelle. Das Objektiv führt beim Belichten das Licht von den jeweils entsprechenden Bereichen im Motiv zu diesen Solarzellen.
Das Motiv wird durch diesen Aufbau quasi in Millionen kleiner Bereiche zerlegt, die jeweils von einem Sensorpunkt erfasst werden.
Ist es in dem zu einem dieser „Solarzellen“ gehörenden Bereich des Motivs hell, dann kommt von dort viel Licht zur Solarzelle und diese erzeugt viel elektrische Energie — und ist es dunkel, kommt wenig Licht und so wird auch nur wenig Energie produziert.

Die Menge der elektrischen Energie, die die Solarzellen der einzelnen „Kästchen“ im Raster des Sensors erzeugen, wird gemessen und als Zahlenwert (zwischen-) gespeichert.
Das kann man sich im Prinzip wie eine Ecxeltabelle mit Millionen Zellen mit Zahlenwerten vorstellen. (Die kann man mit vielen Kameras als RAW-Datei speichern.)
Und das wars dann auch schon mit dem Fotografieren.
Aber da sich nur wenige Menschen Tabellen an die Wand hängen wollen, muss sie noch zum Bild „verwandelt“ werden.

… und interpretieren

Steht in der zu einem Bildpunkt gehörenden Tabellenzelle ein hoher Zahlenwert, zeugt das von viel elektrischer Energie. Also war viel Licht am Sensor und so war es an der Stelle im Motiv vermutlich hell. Ist es ein niedriger Wert, war es dort vermutlich dunkel.

Auf der Basis dieser Überlegungen kann man in einer Art „Malen nach Zahlen“ die quadratischen Tabellenzellen unterschiedlich hell „ausmalen“.
Und wenn man danach von dem entstehenden Gewirr unterschiedlich heller kleiner Quadrate weit genug weg geht, sieht man ein Bild.

Und wo ist die Farbe?

Ja, richtig auf die Art würde nur ein Bild mit unterschiedlich hellen Bildpunkten ohne Farbe entstehen. Grau in Grau, ein Schwarzweiß-Foto.
Um ein Farbbild zu erzeugen, müsste der Sensor Farben unterscheiden können.
Kann er aber nicht, er „sieht“ nur (besser: reagiert nur auf) die Energie des auftreffenden Lichtes. Mehr oder weniger egal welche Farbe es hat, reagiert er nur auf die Lichtensität.

Für Farbfotos gibt es deshalb einen Trick. Man versieht jeden Zelle mit einem Farbfilter — meistens entweder in Grün oder Rot oder Blau.
Und dann beginnt man zu überlegen…

Wenn die benachbarten nichtroten Solarzellen einer rotgefilterten Solarzelle deutlich weniger Energie erzeugt haben, werden sie weniger Licht empfangen haben. Dann kann es sein, dass in diesen benachbarten Bereichen auch rotes Licht vorherrscht, das von den grünen oder blauen Filtern nicht durchgelassen wird.
Deshalb kann man diese Tabellenzellen vielleicht auch rot einfärben.

Aber evtl. war es an den Stellen auch gar nicht rot, sondern einfach nur wirklich dunkler, auch das kann ja sein.

Hmmm…

Was soll’s, das Ergebnis ist doch nur ein digitales Foto, das eben auf Annahmen basiert, das muss ja nicht die Realität zeigen. ;-)

Aber wie hell oder wie dunkel war es denn tatsächlich? Welchen Eindruck hatte ein Mensch, der die Szene betrachtete?
Das kann die Kamera nicht wissen. Und so ist das Ergebnis dieses Demosaicing genannten Interpretationsprozesses im besten Fall eine begründete Annäherung an die von einem Betrachter wahrgenommenen Helligkeitsverhältnisse.
Das die Bilder dann auch noch nicht nur in Helligkeiten, also Graustufen, sondern in Farbe sein sollen, macht es (wie im Einschub oben zu lesen ist) zusätzlich deutlich schwerer und ungenauer.

Diese Interpretation macht der Computerteil der Kamera oder des Smartphones automatisch. Man kann aber auch die Ecxeltabelle als sogenannte RAW-Datei (auch zusätzlich zum JPEG) speichern lassen um sie später als Basis der eigenen Ausarbeitung des Bildes verwenden.

Beeindruckend ehrlich?

Illustration zu: 'Und noch ein Bild "Out Of Cam"'

Und noch ein Bild „Out Of Cam“

Ob der gefühllose Computer in der Kamera die Interpretation wirklich besser oder wahrhaftiger oder ehrlicher macht als der Fotograf, der noch genau weiß, was er vor Ort empfunden hat?
Diese Frage gewinnt noch an Bedeutung, wenn man sich die Unterschiede zwischen der gemessenen und der empfundenen Farbe klar macht.

Diese Differenzen zwischen Messtechnik und menschlicher Wahrnehmung / Empfindung sind ja die grundlegende Ursache für die Notwendigkeit eine Weißabgleichs.
Ehrlich im Sinne von „messtechnisch wahr“ ist eben nicht gleichzusetzen mit ehrlich im Sinne von „der menschlichen Wahrnehmung entsprechend“.
(Mehr zum Thema Weißabgleich)

Aber selbst wenn man das Thema der menschlichen Empfindung oder Wahrnehmung ausklammert, bleibt ein Problem. Der Programmierer der Interpretationssoftware steht vor der gleichen Frage, wie bei der Programmierung der Belichtungsautomatik. Er weiß nicht, was da gerade fotografiert wird.  (Siehe auch meinen Text zur Belichtung)
Ist es ein Motiv „Hell in Hell“, so wie bei Schneelandschaften?
Oder Dunkel in Dunkel wie beim „Gothic“-Treffen?
Sind die hellsten Bereiche im Bild wichtig, weil es das Brautkleid ist?
Oder ist das nur eine Reflexion der Sonne,  die später ruhig ausbrennen darf?
Die Tabelle muss interpretiert werden, wenn ein Bild entstehen soll. Aber wie?

Da der Entwickler der Software das nicht wissen kann, muss die Standardausarbeitung auf Vermutungen basieren. Man geht dann halt davon aus, dass die wichtigen Motivdetails vermutlich im Bereich der mittleren Helligkeiten liegen werden.
Leider stimmt das aber nicht immer, wie wir weiter unten sehen werden.

Bessere Fotografen?

Illustartion zu 'Und noch ein Bild "Out Of Cam"'

Und noch ein Bild „Out Of Cam“

Bei Beschränkung auf OOC können die Fotografen in diesen Interpretationsprozess nicht eingreifen. Sie müssen deshalb schon bei der Belichtung berücksichtigen, dass sie die Helligkeit, die Farben und die Kontraste hinterher nicht mehr beeinflussen können.

Ist man mit OOC also der bessere Fotograf, weil man ja anscheinend schon beim Belichten alles richtig macht bzw. machen muss?
Ein echter Könner, der weiß, wie es geht?

Wohl eher nicht, denn mit der Festlegung auf „OOC“ begibt man sich unnötigerweise in eine ungünstige Situation.
Man muss man dann schon direkt zu Beginn des Fotografierprozesses eine oder mehrere Entscheidung treffen, die man besser erst später fällen würde.

Oder nur falsche Voraussetzungen?

Bei der (digitalen) Belichtung sollte es eigentlich das Ziel sein, möglichst viele der bildwichtigen Helligkeitswerte des Motivs durch die Belichtung in einen Bereich zu legen, den der Aufnahmesensor der Kamera (mit seinen „Solarzellen“) optimal erfassen, erkennen und umsetzen kann.

Illustartion zu: 'Und noch ein Bild "Out Of Cam"'

Und noch ein Bild „Out Of Cam“

Je nach Motiv sieht dann ein perfekt belichtetes Bild aber oft etwas zu dunkel aus. Nicht weil es falsch belichtet wurde, sondern weil es mit dem (nicht immer passenden) „Schema F“-Verfahren des Kameracomputers ausgearbeitet wurde.
Es sollte  – gerade weil es perfekt belichtet wurde – besser anders interpretiert werden.

Und das macht man am sinnvollsten später am Rechner, wo man Maus, Tastatur und einen einigermassen farbechten Monitor hat.
(Ausführlich erklärt unter „Wer richtig belichtet, der braucht keine Bearbeitung! Stimmt das?“ )

Eine solche spätere Anpassung der bei der Aufnahme von der Kamera aufgezeichneten Helligkeitswerte an die menschliche Wahrnehmung widerspricht aber komplett der Intention des  OOC und ist dann prinzipiell nicht vorgesehen.

Falsche Voraussetzungen führen zu falscher Belichtung

Damit die oft für die Bildwirkung wichtigen mittleren Helligkeiten im Motiv bei OOC dem Eindruck entsprechen, den ein menschlicher Beobachter der Szene hätte, muss das Bild oft deutlich heller, also eigentlich zu hell, (über-) belichtet werden.
Das geht dann nicht ohne Verluste, es kommt evtl. zum Übersteuern („Clipping“) der hellen Bildstellen, die so in reinem Weiß ausbrennen.
Das wäre bei richtiger Belichtung mit angepasster Ausarbeitung völlig unnötig.

Viele Kameras haben extra einen speziellen Anzeigemodus, der die Bereiche hervorhebt, die bei der  im Clipping untergehen würden.

Clippinganzeige in Aktion

Doch mit OOC muss man das ignorieren.
Man könnte (dürfte) ja das zur Vermeidung des Clippings knapper belichtete Foto mit zu dunklen Mitteltönen (diese durch die unkontrollierte „Schema F“-Entwicklung zu dunkel dargestellt) nicht anschliessend angepasst (besser) interpretieren.

Bei OOC kann man deshalb nur vorher mit der Belichtung in die Steuerung der Helligkeiten eingreifen und muss so meist auf die mittleren Helligkeitswerte belichten. Auf die (durch diese eigentlich falsche Belichtung) ausbrennenden Lichter kann dann keine Rücksicht genommen werden.
OOC und wirklich richtige optimale Belichtung widersprechen sich also – je nach Motiv – mehr oder weniger stark.

Entspricht das Ergebnis aus der Kamera denn dann wenigstens der  Realität?

Das Ergebnis, das „OOC“-Bild, ist eine unter vielen denkbaren Varianten der Ausarbeitung. Einige Leute messen diesen Bildern aber anscheinend eine besondere „Ehrlichkeit“ zu, weil sie ja „direkt“, angeblich ohne Einfluss eines Menschen entstanden sind.
Aber dabei vergessen sie, dass die Software auch hier eingreift. Jetzt nur ohne Steuerung durch den Fotografen.
Es werden plump die Vorgaben angewendet, die das Entwicklungsteam des Kameraherstellers in die Software der Kamera programmiert hat — ohne Wissen um und Rücksicht auf das konkrete Motiv.

Multiple Realitäten?

Spannend wird die Frage nach der vermeintlichen Ehrlichkeit des „unbearbeiteten“ OOCs, wenn man sich klarmacht, dass es auch Kameras gibt, die nicht nur ein Bild als Ergebnis liefern. Es gibt Digitalkameras, die gleich nach dem Auslösen eine ganze Reihe unterschiedlicher Versionen der Ausarbeitung einer einzelnen Belichtung, einer einzelnen Exceltabelle, als Bilder anbieten.
Zum Teil mit mehr oder weniger Helligkeit, Farbsättigung, Kontrast, unterschiedlichen Arten des Weißabgleich etc. pp.

Illustartion zu: "Verschiedene Bilder, aber alle sind OOC"

Verschiedene Bilder, aber alle sind OOC

Eine meiner Kameras kann da direkt nach dem Fotografieren weit mehr als ein Dutzend OOC-„Originale“ ausspucken, die aber alle deutlich unterschiedlich aussehen.
Da liegt dann natürlich die Frage auf der Hand, welches der Ergebnisse denn nun die echte Wiedergabe der Realität ist.

Wenn die „Realität“ am Ende doch beliebig ist und mit OOC so deutliche Nachteile einhergehen, liegt die Frage auf der Hand, wozu man das überhaupt machen sollte.

Solltest Du selber in OOC fotografieren?

Wenn die Ausarbeitung Deiner Kamera das Bild so wiedergibt, wie Du es willst, gibt es keinen Grund, nicht das OOC-JPEG zu verwenden.
Warum solltest Du noch das RAW bearbeiten?
Aber das wird wie schon beschrieben, nicht immer der Fall sein.
Manchmal wirst Du besser beraten sein, das RAW zu verwenden, gerade wenn Du bei einem anspruchsvollen Motiv versuchst , perfekt zu belichten.

Illustation zu:'Und noch ein Bild "Out Of Cam"'

Und noch ein Bild „Out Of Cam“

Du solltest das ganz undogmatisch sehen. Weder muss jedes Bild zusätzlich ausgearbeitet werden, noch passt immer die Schema-F Interpretation des OOC

Du solltest vor allem versuchen, Bilder perfekt zu gestalten.
Und wenn es die Situation dann zulässt, solltest Du auch versuchen, möglichst perfekt belichten.

In machen Fällen wird das OOC-JPEG dann vielleicht durch Zufall bereits passen. In anderen Fällen wirst Du froh sein, ein RAW zu haben, dass Du zu Deinem Bild interpretieren kannst.

Um nun nicht jedesmal die Einstellungen für JPEG oder RAW ändern zu müssen, nutze doch einfach die Möglichkeiten der Kameratechnik, beides gleichzeitig zu speichern.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Die für richtig belichtete Fotos wichtigen Einstellungen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorrektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

Abschliessend

Ganz klar: ein Bild ist nicht gut, weil man sich Mühe gegeben hat.
Oder Stunden auf den Adler gewartet hat.
Oder eine Canolta verwendet hat.
Oder nach OOC vorgeht.

Ein Bild ist dann gut, wenn es beim Betrachter das hervorruft, was der Fotograf sich wünscht. Gefühle, Überzeugungen, Einstellungen, Wünsche, Ideen.
Ob dann OOC verwendet wurde oder nicht, ist im Endeffekt völlig unerheblich.

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3 Gedanken zu „OOC – wieso weshalb warum?

  1. Joachim Bosmann

    Klasse Artikel, der auch für Anfänger verständlich geschrieben ist!
    Schade, dass ich nicht mehr in Essen bzw. der Nähe wohne, um den genialen Verfasser ohne großen Aufwand mal persönlich kennenzulernen!

  2. Robert

    Super Beitrag – du sprichst mir aus der Seele. Ich lege die Entwicklung lieber in meine eigenen Hände als in irgendeine interne Kamerasoftware.

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