“Richtiger” Weißabgleich – ein Ammenmärchen

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Illustration zu Sonnenuntergang (mit Hund)

Sonnenuntergang

(Aktualisiert: Video am Seitenende hinzugefügt) Um den Weißabgleich wird ziemlich viel Tamtam gemacht. Es gibt Graukarten, die man speziell dafür verwenden kann, spezielle Farbkarten, um die Farbwiedergabe der Kamera zu testen und teure Vorsatzlinsen, die ebenfalls einen besonders präzisen Weißabgleich ermöglichen sollen.

Gerade für einen Fotoeinsteiger erzeugt das den Eindruck, dass der präzise Weißabgleich sehr wichtig ist und man sehr genau messen muss, um alles richtig machen. Aber stimmt das überhaupt?

Wenn man sich etwas intensiver mit der Materie beschäftigt, merkt man, dass das präzise Messen der Whitebalance (WB) oft ein ziemlicher Humbug ist. Der “richtige Weißabgleich” ist eines der Ammenmärchen der Fotografie, einer der großen Fotomythen.

Wie komme ich jetzt zu der Behauptung?

Zurück auf Start. 
Gestern [mittlerweile vorgestern ;-) ], bei meinem ersten Sommerferien-Fotoworkshop in diesem Jahr, wurde ich gefragt, wie das denn mit dem Weißabgleich sei. Der müssen doch immer sehr präzise gemessen und eingestellt werden.
Und schon vorher, auf dem Weg zum Kurs, habe ich in einem Podcast (den ich hier nicht näher nenne) gehört, wie wichtig doch der genau gemessene und bei der Aufnehme präzise eingestellte  Weißabgleich sei. Und am Abend fand ich dann einen Kommentar zu einem meiner Blogbeiträge, in dem es dann auch um das Thema Weißabgleich geht.
Es scheint also gerade in der Luft zu liegen, sich mit dem Weißabgleich zu beschäftigen. ;-)

Der Mensch 

Schauen wir uns zuerst mal an, wofür man den Weißabgleich überhaupt braucht. 
Das Problem liegt ursprünglich in der menschlichen Wahrnehmung. Wir Menschen empfinden Farben auch bei unterschiedlicher Farbe der Lichtquelle in bestimmten Grenzen neutral. Das heißt, wir sehen Farben dann so, wie sie unter Sonnenlicht (das ist unsere Referenz) wirken würden. Deshalb scheint für uns ein weißes Batt Papier weiß zu sein, obwohl es von einer gelborangen Glühlampe beleuchtet wird.
Soweit so gut.

Die Kamera

Die Kamera ist aber nur ein technisches Messgerät ohne Empfindung oder “Für-Wahrnehmung” und sieht die Farben (zumindest in Grenzen) messtechnisch richtig. Sie sieht (oder besser: sie misst), dass das weiße Blatt Papier nur gelb-oranges Licht reflektiert und zeichnet das dann auch dementsprechend auf.
Auf dem Foto würde dadurch (ohne Eingriff in die Ausarbeitung) das Blatt Papier dann durch eine gelb-orange Fläche dargestellt. Und auch alle anderen Farben im von der Glühlampe beleuchteten Teil des Bildes hätten die gleiche Verschiebung. Für einen Menschen würden das sehr ungewöhnlich aussehen, weil es sich nicht mit seiner Wahrnehmung decken.

Das Bild

Das Bild bildet dann messtechnisch „richtige“ Farben ab, diese sind aber nicht wahrnehmungsgerecht.
In den meisten Fällen macht man Fotos aber nicht, um zu untersuchen, welche Farben da draussen vor der Kamera vermeintlich “wirklich” sind. Dann wären die messtechnisch richtigen Farben sinnvoll.
Vermutlich werden die meisten Fotos vielmehr gemacht, um einem Menschen eine Situation nahe zu bringen, eine Ansicht zu zeigen, eine Stimmung zu transportieren. Und dabei würden die irritierenden “richtigen” Farbe stören. Deshalb verbiegt (verfälscht) man mit dem Weißabgleich die Farbwiedergabe so, das sie der gefühlten Wahrheit des Menschen nahe kommt.
Nicht messungsgerechte sondern wahrnehmungsgerechte Wiedergabe ist dann das Ziel.

Richtig falsche Wiedergabe

Den „Blutmond“ der gestrigen [mittlerweile: vorgestrigen ;-) ] Mondfinsternis müsste man, um einen „richtigen“ Weißabgleich zu machen, quasi neutralisieren. Man müsste die rötliche Tönung rausfiltern, um so zu zeigen, welche Farbe der Mond im ungefilterten Sonnenlicht hat. Aber gerade die rote Farbe, die das Sonnenlicht beim langen Weg durch die irdische Atmosphäre erhält, ist ja das, was das besondere am Blutmond ist.
Also wäre dann der richtige Weißabgleich der falsche. ;-)

Das gilt nicht nur für den eher seltenen Blutmond, sondern auch für den Sonnenuntergang. Wenn ich da einen richtigen, messtechnisch korrekten Weißabgleich machen würde, so wie bei der Glühbirnenbeleuchtung üblich, wäre die tolle Stimmung weg.
Und es stimmt auch z.B. für die Bühnenbeleuchtung bei einem Theaterstück oder einem Konzert. 

Und was ist mit Bildern bei denen Teile des Motivs im Schatten und andere Teile in der Sonne liegen. In den “offenen Schatten” kommt ja nur das vom blauen Himmel reflektierte Licht, für das es einen eigenen Weißabgleich gibt.
Da wäre der für die eine Hälfte des Bildes messtechnisch richtige Weißabgleich immer der falsche für die andere Hälfte.
Glücklicherweise gibt es in den RAW-Konvertern lokale wirksame Werkzeuge wie Pinsel und Verläufe, mit denen man dann später am Rechner ausgleichend (oder auch verstärkend) eingreifen kann.

Kreativer Umgang

So ein Dilemma will ich nicht endgültig vor Ort lösen müssen. Ich mache deshalb (besser: unter anderem deshalb) meine Aufnahmen in RAW. Dann ist der Weißabgleich noch nicht endgültig vorgenommen worden. 

Und später passe ich dann die Farben bzw. (Ab-) Stimmungen im Bild am Computer frei an meine gestalterischen Vorstellungen und Wünsche an. Manchmal sind diese später sogar anders als sie bei der Aufnahme waren. Künstlerische Freiheit!

Und oft genug habe ich als Ergebnis sogar verschiedene Weißabgleiche für unterschiedliche Bildbereiche. Bei Landschaftsfotos mag ich den Himmel gerne etwas kälter und die Landschaft im Gegenzug wärmer. Ganz ähnlich haben es auch schon Landschaftsmaler lange vor der Erfindung der Fotografie gehalten.

Empfehlung

Als Empfehlung bleibt eigentlich nur, bei der Aufnahme sicher zustellen, das man keine Farbinformationen verliert, die man später für den gestalterisch richtigen Weißabgleich noch brauchen würde.
Also fotografieren in RAW und Weißabgleich Pi-mal-Daumen richtig, dazu reicht bei einigermassen aktuellen Kameras fast immer der automatische Weißabgleich.

Abschliessend

Noch ein wenig Eigenwerbung:
In meinen Kursen zu den Grundlagen der Bildbearbeitung kann ich Dir das Thema Weißabgleich bei der Ausarbeitung der Bilder gerne erklären. Und natürlich ist der Weißabgleich auch ein wichtiges Thema in meinen eintägigen Grundlagen-Fotokursen und in meinem zweitägigen Grundlagenkurs (Zeche Zollverein).

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https://youtu.be/yD0ma0uI8fU

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/ 28. Nov 2018

2 Gedanken zu „“Richtiger” Weißabgleich – ein Ammenmärchen

  1. Ingo Krehl

    Hallo Tom,
    schade dass Du dich im Text so undifferenziert ausgedrückt hast.
    Im Video hast Du es etwas gerade gerückt – im Video-Titel nun mit Fragezeichen.

    Grundsätzlich bin ich ganz bei Dir, ich fotografiere fast immer mit dem automatischen Weißabgleich und in RAW.
    Der richtige Weißabgleich wird nur unter besonderen Voraussetzungen gebraucht und ist nur dann sinnvoll!
    Der richtige Weißabgleich wird nur gebraucht, wenn farbverbindliche Aufnahmen gewünscht werden. Dafür sind Lichtquellen mit dem gleichen Farbspektrum und stabiler Farbtemperatur notwendig.
    Das Kamera-Profiel das unter solchen Bedingungen erstellt wird, gilt nur für das eine Objektiv und dieses Lichtset!

    Der richtige Weißabgleich ist kein Ammenmärchen!
    Wer in der Produktfotografie tätig ist oder ein neues Make-up auf einem Model präsentieren soll, ist der richtige Weißabgleich absolut notwendig! Da ist auch ein durchgängiges Color-Management bis zum Endprodukt notwendig.

    Für alle anderen die ihre Bilder nicht nur am eigenen Monitor zeigen, sollten sich lieber um die „richtige Farbe“ Gedanken machen, sollten einen guten Monitor haben und diesen regelmäßig auf sRGB kalibrieren und profilieren. Da liegt ein viel größeres Potential für technisch gute Bilder!

  2. Pingback: Weihnachtszeit - Fotografieren bei (zu-) wenig Licht

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