Meisterzwang vom Tisch

Wiedereinführung des Meistertitels

Seit einiger Zeit (spätestens Mai 2019) geisterte das Gespenst der Wiedereinführung einer Meisterpflicht für Fotografen durch den Raum. Doch seit einigen Tagen ist damit Schluß, die Ghostbusters schlugen zu, das Thema ist (zumindest fürs Erste) Geschichte.
Ich seh die Ablehnung dieser geplanten Wiedereinführung mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Mit einem Lächeln

Das lachende Auge ist durchaus auch ein wenig von Schadenfreude geleitet. Nicht zuletzt, weil sich manche Meister nicht unbedingt (nur?) durch gestalterische oder fototechnische Einzigartigkeit hervorgetan haben. Sie verwendeten statt dessen in der guten alten Zeit, als es noch die Meisterpflicht gab (vor 2004), ihre Energie auch darauf, Nichtmeister „abzuschießen“.

Ein Freund von mir war damals Lehrling (so hieß das) bei einem solchen Meister. Von ihm erfuhr ich , dass sein Meister, wenn nicht genügend Aufträge für seine Fließbandfotografie von Haushaltsprodukten vorlagen, versuchte – quasi als Privatdetektiv im eigenen Auftrag – Fotografen zu finden, die ohne Meistertitel selbständig waren. Diese wurden dann von ihm an die Innung verpetzt.

Selbst erlebt

Aus eigener Erfahrung kann ich mich an diverse obskure Telefonate und Anfragen erinnern.
Zur Vorgeschichte:
Ich hatte mich schon während des Studiums mit drei Studienfreunden im Bereich Fotografie mit einem gemeinsamen Studio selbständig gemacht. Das ging in Bereichen künstlerischer bzw. journalistischer Fotografie als Künstler, Fotodesigner und Bildjournalist damals auch ohne Meisterbrief.

Leider hatte einer meiner Kollegen beim Anmelden von Telefon und Fax (mit 64 Graustufen, der Hammer!) den Begriff „Fotostudio“ fallen lassen. Deshalb wurden wir zwei Ausgaben lang im Branchenbuch geführt, in das wir eigentlich gar nicht wollten.
Wozu auch? Unsere Tätigkeit war ja überhaupt nicht auf den Hochzeitsfoto- und Portrait- oder Passbildkunden abgestimmt. Wir waren vielmehr für Firmen und Agenturen tätig, für die wir fotografische Konzepte entwarfen und umsetzten. Und die fanden uns nicht durchs Branchenbuch.
Deshalb gab es in unserem Schaufenster auch keine Werbung und wir schalteten natürlich auch keine Anzeigen.

Trotzdem kamen von Zeit zu Zeit Anrufe mit dem Wunsch nach Hochzeitsfotos. Die fast immer männlichen Anrufer fragten, ob wir für sie als Hochzeitsfotografen tätig werden könnten.

Wir wunderten uns, wie diese Leute auf uns kamen und woher sie unsere Telefonnummer kannten.
Wir machten ja keine Werbung, hatten kein Schaufenster und weil wir in dem Bereich gar nicht tätig waren gab es auch keine Mund-zu-Mund-Propaganda.
Wie kamen die Anrufer dann darauf, ausgerechnet bei uns anzufragen? (Und warum waren es immer Männer? In den meisten Fällen sucht doch anscheinend die Braut den Fotografen aus.)
Es gab doch nur den Brachenbucheintrag mit unsere Telefonnummer.
Und das war die Lösung!

Zwar sucht sich vermutlich niemand seinen Hochzeitsfotografen einfach nach dem Branchenbuch aus, aber die lieben „Kollegen“ fahndeten anscheinend darin nach Anbietern ohne Meistertitel. Man wollte also auf diese hinterhältige Tour testen, ob wir in verbotenen Gewässern fischen würden.

Und so haben wir uns dann angewöhnt, auf die Anfrage ein wenig frecher zu antworten und mitzuteilen das wir „so etwas“ nicht fotografieren würden, da unsere üblichen Honorare nur von den wenigsten Brautpaaren gezahlt werden könnten und wir für die wenigen verbleibenden die Wochenenden nicht opfern wollten. Man möge es doch lieber bei einem der preiswerteren Meisterfotografen versuchen.
Am anderen Ende war dann Schweigen… ;-)

Wenn ich mir die Begründung des CV (Centralverband der Berufsfotografen) für die Wiedereinführung des Meistertitel so durchlese, vor allem aber auch seine Reaktionen auf die sehr erfolgreiche Petition gegen den Meistertitel beachte, so scheint genau die gleiche Art von Hexenjagd jetzt glücklicherweise verhindert worden zu sein.

Und nun zum weinenden Auge

Ich fände es gut, wenn Menschen vor dem Schritt in die Selbständigkeit ein wenig das „Wirtschaften“ lernen würden, sonst wird daraus schnell ein „Wirrschaffen“ – das gilt natürlich nicht nur für Fotografen.
Sie sollten das Wirtschaften zu ihrem eigenen Schutz lernen — aber auch zum Schutz von Kunden. Denn diese können bei einem in den Konkurs gegangenen Betrieb nur schwerlich Forderungen z.B. aus Garantien einfordern.
Ein wenig Grundlagen im „Geschäftlichen“ sind, so zumindest die Theorie, mit der Meisterprüfung verbunden und wären mit dem Meisterzwang vermutlich mehr Fotografen geläufig. Das wäre durchaus ein positiver Aspekt.

Ich habe durch meine Fotokurse immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die als angehende Berufseinsteiger als einzige Basis ihrer Honorarkalkulation ihren ehemaligen Stundenlohn kannten.
Und dann ganz einfach darauf aufbauend „kalkuliert“ haben: „ …wenn ich als Fotograf in der Stunde dann das Doppelte erhalte, bin ich ein gemachter Mann…
(Sowas geht natürlich schief, denn das als Angestellter erhaltene Gehalt ist ja nur ein, meist kleiner, Teil der Kosten, die pro geleisteter Arbeitsstunde anfallen. Und der für die Risiken der unternehmerischen Tätigkeit nötige Gewinn ist dann überhaupt noch nicht berücksichtigt.)

Auf der Basis einer solchen Kalkulation ist der Untergang quasi vorprogrammiert.
Wenn dieser dann nur den Einzelnen (und seine Kunden) betreffen würde, wäre das ja noch zu verschmerzen.
Aber leider behalten Interessierte später nur den günstigen Preis in Erinnerung. Vom wirtschaftlichen „Durchbruch“ des (zu) günstigen Anbieters dagegen erfahren sie in der Regel erst gar nichts – damit macht ja keiner Werbung – oder sie vergessen es schlicht.
Und gehen so mit völlig falschen Vorstellungen von zu niedrigen Preisen in die Verhandlung mit den Fotografen, deren Preise ihnen dann natürlich viel zu hoch vorkommen.

Noch schlimmer:
Berufseinsteiger orientieren sich oft an diesen Minipreisen am Markt. (Ich bin sicher nicht der einzige Fotograf am Markt, der immer mal wieder offen oder unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Angebots gefragt, wie er kalkulieren würde.
Mein Antwort dazu hier )

Illustration zu "Honorar und Preise verhandeln"

Honorar und Preise verhandeln

Wenn diese Berufseinsteiger bei der Suche nach Tipps dann an den falschen Ratgeber geraten und dessen Minipreise als Basis Ihrer eigenen Honorarvorstellungen ansetzen, geht es erst recht schief.

Da könnte etwas Nachhilfe in wirtschaftlichen Fragen, die evtl. durch den Meisterzwang gekommen wäre,  durchaus hilfreich sein.

Trotzdem besser ohne

Ich wäre (als Diplom Designer) vom Meisterzwang zwar eh nicht betroffen, trotzdem bin ich froh, dass es keine Meisterpflicht gibt. Es ist für die ganze Branche sehr wichtig, dass auch eine Bildwelt existiert, die sich von den in den Schaufenstern einiger Handwerker zu findenden Beispielen meisterlicher Leistung abhebt.
Und ganz ehrlich, es freut mich schon nicht wenig, dass der CV mit seiner zum Teil wirklich frechen Argumentation Pro-Meisterpflicht nicht durchgekommen ist.

Wie siehst Du das? Bist Du erleichtert oder enttäuscht, dass die Meisterpflicht für Fotografen nicht kommt?

Update:

Wer das ganze etwas ausführlicher aus Sicht der Gegener des Meisterzwnags nachlesen möchte, findet hier bei ProfiFoto Lesestoff: Kein Meisterzwang – und jetzt?

Eigenwerbung

An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Die für richtig belichtete Fotos wichtigen Einstellungen wie Belichtung, Automatik und Belichtungskorrektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.
Ich würde mich freuen, Dich da zu treffen.


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geschrieben/aktualisiert: / 18. Sep 2019

One thought on “Meisterzwang vom Tisch

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