Schwarzweiß-Digitalfotografie – Umwandlung in der Kamera oder später?

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Illustration zu Schwarweißfotografie

Direkt oder später? Diese Diskussion kam neulich bei einem Fotokurs wieder auf. Eigentlich ist es ganz einfach und auch schnell gesagt (geschrieben): fotografiere in RAW, dann hast Du noch alle Möglichkeiten.

Aber was spricht denn eigentlich gegen das Schwarzweißbild, wie es die Kamera erzeug? Warum sollte man eigentlich nicht direkt SW und JPEG fotografieren?

Viele (vermutlich alle) Digitalkameras bieten ja heutzutage einen SW-Modus an. Aber damit solltest Du vorsichtig sein, oft erzeugen die digitalen Fotoapparate in der schwarzweiß-Einstellung leider nur einfach farblose Bilder.

Schwarz-weiß bedeutet in der Fotografie aber viel mehr als nur ein Bild ohne Farbe.

Das Bildbeispiel oben kann das hoffentlich erläutern.
Ein Bild eines roten Apfels auf einer grünen Wiese, dem man einfach die Sättigung entzieht, verliert evtl. komplett seine Dramatik.
Denn der Apfel und die Wiese sind ja ungefähr gleich hell. Wenn dann durch den SW-Modus der Kamera im Bild „nur“ die Farbe fehlt, bleibt ausschliesslich die Helligkeit über. Und da diese bei beiden Objekten annähernd gleich ist, erhalten Apfel und Wiese auch in etwa den gleichen Grauton (siehe oben rechts in der Illustration). Der spannende (Farb-) Kontrast geht dadurch leider völlig verloren.

Filter

Dieses Problem ist nicht neu, man musste auch schon zu analogen Zeiten versuchen, die Farben in passende Grautöne übersetzen.
Früher, mit Schwarzweißfilm, hätte ich dazu mit einem Rotfilter den Apfel heller und die Wiese dunkler abgebildet (in der Abbildung unten rechts). Oder mit einem Gelbgrünfilter die Wiese hell und den Apfel dunkel (in der Abbildung unten links).
So oder so, ich hätte versucht, den Farbkontrast in einen Helligkeitskontrast umzuwandeln.

Mit einem digitalen Farbbild kann man diese Umwandlung der Farben zu Grautönen auch später noch steuern. Aber dafür benötigt man dann ein farbiges Bild.
Diese Option hast Du, wenn du in JPEG auf schwarz-weiß fotografierst, nachträglich also nicht mehr zur Verfügung. Die Farben sind dann ja im JPEG bereits endgültig verschwunden und stehen für die spätere Ausarbeitung nicht mehr zur Verfügung.

Schlechte Alternative

Als einzige Alternative bliebe Dir, diese Farbumwandlung wie früher bereits bei der Aufnahme mit unterschiedlichen Farbfiltern zu steuern.
Das geht natürlich, ist aber viel umständlicher als nötig.
Und das Verfahren hat auch einen gravierenden Nachteil, der mit der grundlegenden Technik der farbigen Digitalfotografie zusammenhängt.
Ein größerer Teil der Bildinformation ginge dann schon bei der Aufnahme ungenutzt verloren.

Warum?

Das hängt mit der grundlegenden Aufnahmetechnik zusammen.
Die einzelnen „Pixel“ des Sensors können keine Farben unterscheiden, sie sehen nur Helligkeiten. Das wäre für unseren Sonderfall SW völlig richtig, aber die meisten Menschen möchten bunte Bilder.
Deshalb verwendet man bei der Aufnahme einen Trick, damit die Digitalkameras farbige Fotos erzeugen können.

Um diesen Trick zu erklären, zäumen wir der Einfachheit halber das Pferd vom Schwanz her auf. Ein farbiges Bild kann man in drei SW-Bilder zerlegen, von denen jedes nur den Bildanteil, die Helligkeit, einer Farbe wiedergibt.
Meist werden zum Bildaufbau die Farben Rot, Grün und Blau genutzt (RGB).

In der Kamera könnte man nun diese drei Teilbilder von je einem monochromen (also nur helligkeitsempfindlichen) Sensor, der durch einen Filter nur die jeweilige Farbe zu sehen bekommt, aufnehmen lassen. Anschließend würden die drei entstehenden schwarzweißen Bilder als Farbanteile des Farbbildes genutzt (gemischt), man hätte ein Farbbild.

<i>(Dieser Trick ist übrigens keineswegs neu, im Gegenteil, er ist „uralt“ und wurde ähnlich auch schon zu den Anfangszeiten der analogen Farbfotografie angewandt.  Siehe auch meinen Bericht zur Ausstellung: „Die Welt in Farbe“ in diesem Blog.)</i>

Da drei Sensoren jedoch recht teuer sind und die Kameras deutlich größer werden müssten, nutzt man stattdessen eben einen Trick.
Die einzelnen Pixel eines Aufnahmesensors werden dazu jeweils unterschiedlich gefiltert. Vor jeder Fotozelle sitzt dann ein kleiner Filter mit einer Farbe, meist entweder Rot, Grün oder Blau.
Die Farben wechseln von Sensorpunkt zu Sensorpunkt.

Da nun jeder „Pixel“ nur eine Farbe „sehen“ kann, müssen für das spätere farbige Bild für jeden Bildpunkt die Informationen aus jeweils drei Punkten zusammengerechnet werden. Man spricht dann von „Demosaicing“)

Wenn nun für ein SW-Bild bei der Aufnahme ein Farbfilter vor dem Objektiv wäre, würde ein Teil der Bildpunkte quasi erblinden. Es käme ja von dieser Farbe gar kein Licht mehr auf den Sensor.
Dadurch würde die ganze Berechnung des Demosaicings nicht mehr stimmen.

Und natürlich ist es auch wegen des evtl. verstärkt auftretenden Bildrauschens keine gute Idee, dem Sensor durch das Filtern  Licht zu rauben.

Damals…

Aber der SW-Modus der Kamera ist trotzdem sehr sinnvoll.
Gerade SW-Einsteigern hilft das schwarzweiße Vorschaubild auf dem Display recht gut, die SW-Tauglichkeit des Motivs zu beurteilen. Man lernt so deutlich schneller, was in SW oder Farbe besser „kommt“.

Vermutlich hätte ich zu Zeiten der Fotografie auf Film die rechte Hand meines Fotoassistenten dafür geben, wenn mir damals jemand die Möglichkeit angeboten hätte, nachträglich für meine SW-Negative das Kontrastverhalten und, vor allem, die Umsetzungen der Farben in Grauwerte steuern zu können.
Ich habe mich ja schon recht früh in meiner fotografischen „Laufbahn“ sehr intensiv mit den ganzen Prozessen auseinandergesetzt, habe dann vor allem während des Studiums auch das Zonensystem kennengelernt und angewendet.  Aber von den heutigen Möglichkeiten auf dem Weg zum SW-Bild war für mich nur zu träumen.

Auf dieses Potential der Digiatlfotografie sollte man möglichst nicht verzichten. Und es ist auch nicht nötig, man darf eben nur nicht ausschliesslich JPEGs verwenden.

Analoger Fummelkram

Was war denn so einschränkend in der analogen SW-Fotografie?
Vor allem im Kleinbildbereich konnte man ja eigentlich immer nur den kompletten Film (mit seinen 36 Negativen) anpassen, an eine individuelle Entwicklung war nicht zu denken. Falls ein kontrastreicherer Look gewünscht war,  war dies zwar durchaus, zumindest in Grenzen, machbar. (Unter anderem nach dem Zonensystem „einfach“ N-1 belichten und N+1 entwickeln. Zum Zonensystem in meinem kostenlosen Fotolehrgang)
Doch dafür musste man schon etwas intensiver mir der Materie vertraut sein.

Und vor allem das galt dann immer für den ganzen Film.
Wenn sich zwischendurch ein Motiv mal für einen softeren Look anbot, musste ich nachträglich in der Duka mit anderem Papier und anderem Entwickler arbeiten, evtl. sogar vom Vergrößerer mit Kondensor auf einen nicht ganz so scharf und kontrastreich arbeitenden Farbvergrößerer mit  „Lichtmischbox“ umsteigen.
Sofern ich ihn zur Verfügung hatte („armer Student“).

Und es gab eine weitere, weitaus gravierendere Einschränkung. Nachträglich im Labor die Umsetzung der Farben in unterschiedlich helle Grautöne zu steuern war eigentlich gänzlich unmöglich, das musste man schon bei der Aufnahme entsprechend filtern.

Moderne Zeiten

Heutzutage kann man dagegen recht einfach und für jedes Bild einzeln in SW fotografieren.
Das geht sogar mit von Bild zu Bild unterschiedlichen individuellen Vorgaben in Bezug auf die Kontraste und auf die Umwandlung der farbigen Welt nach SW.
Und man hat trotzdem noch alle Möglichkeiten offen, sich später anders zu entscheiden.

Um das zu nutzen, fotografiere ich SW grundsätzlich immer in RAW. Aber bei der Aufnahme wende ich trotzdem manchmal Kontrasteinstellungen an, die entweder die Kamera bereits mitbringt oder die ich im Kameramenu selber erzeuge.
Und zusätzlich setze ich auch die Simulation der Farbfilter ein, die viele Kameras zu Verfügung stellen. Dann gibt es zum Beispiel bei Landschaften direkt einen kräftigen Himmel, wenn der virtuelle Rotfilter eingesetzt wird.

Das kann ich mit meiner derzeitigen Lieblingskamera, der Olympus Pen F(*), besonders gut und differenziert umsetzen.
Diese Überlegungen bei der Aufnahme habe ich aber, wenn die Bilder nach dem Urlaub auf den Rechner kommen, vergessen. Und die von mir vorgenommenen speziellen Einstellungen für das SW-Bild wirken sich nur auf das Vorschau-JPEG in der RAW-Datei aus.
Wenn dann Lightroom aus den RAWs sein eigenes Vorschaubild erzeugt, sind diese Einstellungen (und die Erinnerung daran) quasi verloren.

Manchmal wundere ich mich, was ich da für einen bunten Blödsinn fotografiert habe. Und leider habe ich dann schon öfter vergessen, das das Bild bei der Aufnahme ja eigentlich in schwarz-weiß geplant war.

Deshalb lasse ich im SW-Modus die Kamera zusätzlich noch ein (dann schwarzweißes) JPEG erzeugen. Entweder es passt bereits wie es ist, dann muss ich gar nicht mehr an die Ausarbeitung. Oder es dient quasi als Gedächtnisstütze für meine Überlegungen, wie ich das Bild aus dem RAW ausarbeiten wollte.

Rücktrittversicherung

Das RAW ist auch eine Art Rücktritttversicherung, wenn ich es mir später anders überlege.
Oft fotografiere ich in einer Art „Flow“ meine Bilder und diese Fotos sollen dann eine ähnliche Stimmung aufweisen.
Ich wechsle dann nicht sprunghaft die Brennweite oder den Aufnahmeabstand zwischen den einzelnen Bildern. Mein Aufmerksamkeitshorizont liegt während dieser Zeit vielmehr in einem bestimmten Entfernungsbereich, näheres oder weiter entferntes wird dann nicht so ohne weiteres zu mir durchdringen.
Und das gilt auch für die gewünschte Stimmung der Bilder, die ist dann auch eher konstant. Und erfordert deshalb meist auch eine ähnliche Ausarbeitung der RAWs.

Aber machmal dringt dann doch ein anderes Motiv durch, das ich dann quasi „dazwischenschieben“ will. Wenn ich dann im „Farbfotomodus“ bin und ein SW-Motiv drängt sich auf, dann fotografiere ich es einfach, ohne die Kamera dafür umzustellen.
Hätte ich nun nur JPEG zur Verfügung, dann müsste ich in dem Fall den SW-Prozess der Kamera „umprogrammieren“, das würde mich vermutlich komplett aus dem Fluss rausreißen.
Durch die Nutzung von RAW kann ich dagegen ganz beruhigt sein und die Einstellung einfach so lassen, wie sein sind.
Ich habe für dieses Einzelbild ja nachträglich noch alle Möglichkeiten offen, nur das Vorschaubild wird halt nicht so aussehen, wie ich es möchte. (Ich darf dann später nur nicht meine Planung „in SW ausarbeiten“ vergessen)

Software

Illustartion zu Lightroom für Schwarzweiß

Lightroom für Schwarzweiß. Der kleine Knopf im roten Kreis erleichtert die gezielte Umwandlung von Farbe nach SW.

Ich verwende zur Ausarbeitung meiner Bilder seit vielen Jahren am liebsten Lightroom(*).
Dieses Programm hat eine paar sehr praktische Optionen für die SW-Ausarbeitung – speziell im „HSL-“ bzw. „Schwarzweiß-Reiter“ des Entwickeln-Moduls.

Wenn Du bei aktuellen LR-Versionen im Bereich „Grundeinstellung“ in Schwarzweiß wechselst, wird direkt das ganze Bild in Graustufen umgewandelt. Mit älteren Versionen (z.B. das noch häufig genutzte LR 6) musst Du die Umschaltung im Bereich HSL/Farbe/SW vornehmen. (Siehe Abbildung).

Das Bild ist dann in beiden Fällen direkt in Graustufen umgewandelt. Aber Du kannst immer noch eingreifen, denn im Hintergrund der RAW- Datei sind ja noch alle Farben vorhanden.
Natürlich könntest Du dazu die Schieberegler der einzelnen Farben verwenden. Aber das ist umständlich und nur wenig intuitiv.
Viel einfacher geht es mit dem kleinen Knopf links oben (im roten Kreis in der Abbildung oben). Damit kannst Du nun Bereiche im Bild mit der Maus anwählen und mit Cursor-Bewegung (anklicken und dann rauf bzw. runter) die Helligkeit der dort liegenden Farbe im gesamten Bild steuern.
Ds ist schwerer zu beschreiben als zu machen, es ist quasi selbsterklärend. Klick einfach mal auf den Knopf, der Cursor ändert sich. Geh dann zum Beispiel in den blauen Himmel eines Landschaftsfotos und ziehe den Cursor mit gedrückter Maustaste rauf oder runter (der Cursor ist während des Ziehens unischtbar. Das wars, es ist wirklich so einfach.

Ergänzt:

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zum Fotokurs
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SW-Presets

Mit Lightroom(*) kannst Du Entwicklungsvorgaben – Presets und Profile-  anwenden, die andere Fotografen mit dem Programm bereits erstellt haben. (Profile gibt es noch nicht bei LR 6 und älter.)
Solche Vorgaben gibt es zum Teil kostenlos zum Download. Und Lightroom selber bringt auch bereits einige SW-Vorgaben als Standard mit.
Wenn Du im Entwicklungsmodul mit der Maus über diese Vorgaben fährst, kannst Du im Navigator eine Vorschau der Auswirkung auf Dein Bild sehen. Es ist sehr hilfreich, auf diese Art schnell mal sehen zu können, was alles möglich ist.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Der Umgang mit der RAW-Entwicklung, speziell Lightroom, aber auch andere Themen wie Ebenen und Ebenenmasken sind ein wichtiger Teil meiner Kurse zu den Grundlagen der Bildbearbeitung, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.


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