Welches Objektiv verwendest Du?

Beispielbild für ein Objektiv mit einem Bildwinkel von etwa 60 Grad.

Leichtes Weitwinkel, mein ideales Urlaubsobjektiv

Die meisten meiner Kursteilnehmer haben als erstes Objektiv das sogenannte „Kit“ zu ihrer DSLR oder Systemkamera, meist ein 18-55mm Standardzoom.
Es wird ja mehr oder weniger alternativlos mitgeliefert und ist, erst recht, wenn man den geringenPreis berücksichtigt, auch wirklich nicht schlecht.
Außerdem deckt es einen wichtigen Bereich der Brennweiten ab, reicht also gerade zum Anfang erst einmal aus.

Aber es gibt sehr viele andere Objektive mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten, Preisen, Größen und Fähigkeiten.
Und irgendwie hat man eine Kamera für Wechselobjektive ja eigentlich auch gekauft, um dann auch Objektive zu wechseln.

Aber was soll man kaufen?
Lieber eine lichtstarke Festbrennweite (welche?) oder ein Telezoom, mit dem man auch entfernteste Details noch formatfüllend ablichten kann?
Oder ein Superweitwinkelzoom für Landschaften?
Oder am besten doch eher ein „Reiseobjektiv“ als „Immerdrauf“?

Die Fragen lassen sich gerade als Fotoneuling nicht so einfach beantworten. Aber anscheinend, so suggerieren es zumindest die Werbung, die Berichte in den Fotozeitungen und das Verhalten vieler Fotografen, braucht man doch „irgendwas“.

Und so ist es klar, dass ich immer mal wieder bei meinen Anfänger-Fotokursen gefragt werde, welches Objektiv man sich denn als nächstes holen sollte. 
Meine Standardempfehlung lautet dann: keins! 

Bessere Fotos durch andere Objektive?

In den meisten Fällen liegt das Optimierungspotenzial in Bezug auf die Fotografie nicht so sehr vor dem Kameragehäuse als vielmehr ca. drei cm hinter dem Sucher.
Und solange nicht klar ist, für welche Art Fotos das Objektiv sein soll, macht es eigentlich gar keinen Sinn, dafür Geld auszugeben. Und einen „Allrounder“ (mit allen Vor- und Nachteilen der „ich-kann-alles-Dinge“) hat man ja schon in Form des Kitobjektivs.

(BTW: Die häufig als zweites gewählten „Superzooms“ als „Immerdraufobjektv“ oder Reisezoom kann ich nicht ohne Einschränkungen empfehlen, siehe meinen Text zu diesen sogenannten „Reiseobjektiven“)

Da ich also meist ohne konkreten Anwendunsgzweck auch kein konkretes Objektiv empfehle, kommt dann manchmal (quasi als Trick, um doch noch eine Art Empfehlung zu kriegen), die Frage danach, was ich denn am liebsten verwende. (Das Geld brennt dann anscheinend Löcher ins Portemonnaie und will unbedingt gegen Glas eingetauscht werden. ;-) )
Das kann ich gerne erklären, aber es wird nicht für jeden passen.

Welches Objektiv verwende ich?

Vorweg zur Erklärung:
Viele Fotografen sind „Objektfotografen“ die eine bestimmte Situation, einen bestimmten Gegenstand oder eine Person oder ein Tier oder.. ablichten wollen.
Wenn man dann nicht weit genug zurück gehen kann, um das Schloss in voller Größe abzulichten, wenn der Seeadler für ein Foto zu weit weg ist oder wenn das Insekt auf dem Bild zu klein bleibt, dann braucht man andere Brennweiten.
Das ist ein wichtiger Grund um ein bestimmtes Objektiv mit einem bestimmten Bildwinkel für ein Foto auszuwählen.

Mich interessieren Objekte aber in meiner persönlichen Fotografie gar nicht so sehr. Sie sind zwar gelegentlich ein Auslöser für mich, überhaupt ein Foto zu machen, aber mir geht es mehr um die Stimmung in meinen Bildern.
Da spielen Farben und Kontrasten, Formen und Flächen ein große Rolle. Und mindestens genauso wichtig ist für mich, wie die Räumlichkeit in meinen Fotos wirkt. Und da kommt jetzt das Zusammenspiel von Aufnahmeabstand und (hier für die Fragestellung besonders interessant) Bildwinkel des Objektivs (Brennweite) ins Spiel.

Räumlichkeit

Architekurfotografie

Gestaltung mit Abstand und Brennweite. Ich habe mich bemüht, die Säulen in beiden Bildern gleich groß zu halten. Die räumliche Wirkung unterscheidet sich zwischen Tele aus der Entfernung (oben) und Weitwinkel aus der Nähe (unten) sehr stark.

Unterschiedliche Bildwinkel (also unterschiedliche Kombinationen von Brennweite  und Sensorgröße, siehe hier im Blog: „Wie hängen Bildkreis, Sensorgröße und Verwackeln zusammen?“) führen zu unterschiedlicher räumlicher Wiedergabe.
Ein enger Bildwinkel eines Teleobjektivs aus großer Distanz (siehe Abbildung links oben) zeigt eine Situation mit ganz anderer Räumlichkeit als ein großer Bildwinkel (kurze Brennweite, Weitwinkel) aus kurzer Distanz (siehe Abb. links unten).

Ich bevorzuge für meine „persönlichen“ Bilder (s.u.). eher eine etwas (wirklich nur ein wenig) stärkere Räumlichkeit. (Das ist ohne irgendeine Art der Wertung zu verstehen, es ist einfach meine persönliche Vorliebe.)

Weil ich diese stärkere Räumlichkeit bevorzuge, lande ich bei der Wahl der Objektive meist bei leichten Weitwinkeln, am liebsten mit etwa 60 Grad Bildwinkel.
An Kleinbild/Vollformat entspricht das der Brennweite von 35 mm, den gleichen Bildwinkel erziele ich mit etwa 24 mm an APS-C und mit 17mm in dem von mir (erst recht im Urlaub und privat) gerne eingesetzten Micro-Four-Thirds-Format von Olympus(*).

Diese Brennweiten erzeugen an den jeweiligen Sensoren ein Bild mit einer Wiedergabe der räumlichen Zusammenhänge, die mir gut gefällt, die ich in meinen Fotos sehen möchte.
Da ich nicht viel schleppen möchte und es mir durchaus zupass kommt, als Fotograf nicht durch mein großes Equipment veraten zu werden, kommen Zooms eher nicht in Frage.
Da bleibt es dann bei der Festbrennweite.
Macht das Leben viel einfacher.

Persönliche Bilder?

 Im Idealfall mache ich auch als Profi im „Dienst“ nur meine Bilder, denn für diese „Bildsprache“ bucht mich der Kunde.
Aber machmal ergeben sich aus der Situation heraus Zwänge, die dazu führen, dass ich nicht als Bildfotograf, sondern als Objektfotograf arbeiten muss. Und selbstverständlich gehört es zur professionellen Leistung, dass ich dann auch mit dem engen Bildwinkel eines Teleobjektivs in gestalterischen und technischer Hinsicht Bilder mit Qualität liefere.
Das ändert aber nichts daran, dass ich in meiner Freizeit (sofern ich die habe ;-) ) lieber Bilder mit stärkerer Räumlichkeit mache.

Festbrennweite? Schränkt das nicht zu sehr ein?

Fuji X100(*), eine meiner Lieblingskameras. Sie hat eine fest eingebaute Festbrennweite mit etwa 60 Grad Bildwinkel. (23mm Brennweite an APS-C)

Die Frage kommt dann fast immer. ;-)
Nun, mir reicht das leichte Weitwinkel tatsächlich für die allermeisten meiner Aufnahmen aus. Weit mehr als die Hälfte meiner Fotografien entstehen damit.
Und wenn es mal nicht reicht, dann liegt es oft daran, dass ich in engen Straßen nicht weit genug von meinem Wunschmotiv wegkomme.
Dann wäre natürlich ein extremeres Weitwinkel praktisch. Und das habe ich natürlich auch. Aber ich schleppe es nicht im Urlaub auf gut Glück durch die Gegend.
Aber das ist meist auch gar nicht nötig.
In vielen Fällen, in denen ich einen noch größeren Bildwinkel brauche, handelt es sich um statische Motive (Gebäude, Plätze, Stadtansichten, Landschaften) in denen sich gar nicht so sehr viel bewegt und schnell verändert.

Panoramatechnik

Da kann ich dann auf die Panoramatechnik zurückgreifen.
Ich mache zwei, drei oder mehr überlappende Bilder (hier in meinem Blog findest Du Tipps zur Panoramaaufnahme), die ich dann per Software zusammenfüge.
In einfachen Fällen kann das heute Lightroom(*) für mich erledigen.
Bei etwas komplizierteren Fällen kann ich auf das voll automatisch arbeitende ICE zurück greifen. (Tipps und Videotutorials von mir zum Umgang mit der Panoramasoftware ICE findest Du unter dem vorangegangenen Link)
Und wenn’s ganz haarig wird, dann hab ich ja durch meine Kugelpanoramen immer noch PTGui zur Verfügung, so eine Art „Industriestandard“ und Schweizer Offiziersmesser für Panorama-Fotografen.

Wie funktioniert ein Panorama mit Lightroom?

Das ist wirklich einfach, Du musst nur die entsprechenden Bilder in Lightroom (*, ab Version 5, wenn ich mich recht entsinne) auswählen und mit der rechten Maustaste anklicken. Dann wählst Du im neuen Menüfenster „Zusammenfügen von Fotos“ und dann „zu Panorama“. Ein paar Sekunden (oder Minuten, wenn Du so einen Rechner hast wie ich ;-) ) später ist das Panorama fertig.
Klappt wirklich oft und verblüffend gut.

Geht natürlich auch als Vetorama, also als vertikales Panorama. In meinem Blogbeitrag zum Themenbereich Vetorama findet Du eine Videoanleitung Anleitung.

Die Bearbeitung der Bilder, das „stitchen“ mit der Panoramasoftware macht zwar ein wenig mehr Aufwand, als wenn man ein Objektiv mit größerem Bildwinkel einsetzt, aber sie bringt auch neben dem größeren Bildwinkel noch weitere deutliche Vorteile.
Die Auflösung der Einzelbilder addiert sich ja, es kommt also ein deutlich feiner aufgelöstes Bild des Gebäudes, Platzes etc. dabei heraus.
Und dass ganz ohne das Du eine Kamera mit größerer Megapixelzahl kaufen musst.

Und andere Bildwinkel?

Bleiben noch die engeren Bildwinkel. Was kann man da machen?
Wie ich schon schrieb, diese längeren Brennweiten interessieren mich nicht so. Es sind nur wenige Motive, bei denen ich sie einsetzen würde.

Und es gibt zumindest für die nicht ganz so extremem Teleobjektive eine durchaus gute Alternative.
Einen engeren Bildwinkel kann ich ja nicht nur durch eine längere Brennweite erzeugen. Das geht vielmehr auch, indem ich einen mehr oder weniger großen Ausschnitt aus dem Weitwinkelbild verwende.
Dadurch erhalte ich wie bei der längeren Brennweite einen kleineren, engeren Bildwinkel. Der verdichtet den Raum aus größerem Abstand und reduziert damit etwas die räumliche Wirkung.
Klassische Wildtierfotografie werde ich so eher nicht machen können. Aber für ein gelegentliches Portrait oder eine Sachaufnahme reicht das meistens schon aus

Die heute üblichen Megapixelzahlen sind mehr als doppelt so groß, wie sie für „übliche Bilder aus üblichem Betrachtungsabstand bei einer Ausstellung benötigt werden. (Mehr dazu hier unter: „Ausstellung und Auflösung„).
Da sind also ganz schön kräftige Ausschnitte auch noch nachträglich möglich.

Und die restlichen Bilder?

Vermutlich 15%-20% meiner Bildideen lassen sich so nicht umsetzen.
Was soll’s?
Es gibt eh schon extrem viele Bilder. Wenn ich auf ein paar Bilder verzichten muss, dafür aber den Vorteil den unbeschwerten Reisens mit wenig Gepäck habe, bin ich mit dem Tausch durchaus zufrieden.

Für mich ist das eine sehr komfortabel Situation und ich bin ehrlich gesagt recht froh, dass ich gar keine große Lust verspüre, Bilder von seltenen Tieren aufzunehmen, was mich dann ja in vielen Fällen zu großen, schweren und teueren Teleobjektiven zwingen würde.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen:
Diese Themen Brennweite, Crop- Faktor, Sensorgröße, Verwacklung, Auswirkung der Brennweite auf die Bildgestaltung etc. sind ein wichtiger Teil meiner
Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de im Bereich Grundlagenkurse anbiete.


(*) Dies ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn Du hierüber etwas kaufst, erhalte ich eine paar Prozente, ohne dass Du deshalb mehr bezahlen musst. Klassisches Win-Win also.
Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

/ 08. Sep 2017

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