Tipps für bessere Urlaubsfotos Teil 6 – welche Belichtungsprogramme

Pfähle am Strand

Welches Belichtungsprogramm soll ich wählen?

Wer interessante Fotos machen möchte, braucht neben dem guten Auge oft zusätzlich ein Quäntchen Fototechnik, auch wenn diese meist nicht ganz so wichtig ist.
Um diese Technik sinnvoll einsetzen zu können, solltest Du ein paar Einstellungen an Deiner Kamera kennenlernen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Einstellungen zur Belichtung.

Viele Einsteiger fotografieren standardmäßig mit der Einstellung auf Vollautomatik (als Symbol wird dafür oft ein grünes Rechteck, eine grüne Kamera oder eine rote Kamera verwendet).
Diese Vollautomatik erhält gelegentlich auch Phantasienamen wie „überlegene Automatik“ oder „intelligente Automatik“.

Das liest sich alles ganz toll und oft sind die Fotos dann auch nicht wirklich schlecht. Aber oft sind sie auch nicht so ganz optimal.
Diese Vollautomatiken versetzen die Kamera quasi in eine Art abgesicherten Modus, in dem alle Benutzereingaben geblockt sind. Du darfst dann eigentlich nur noch auslösen (und zoomen).
Ganz ähnlich ist es mit den Szenenprogrammen (Portrait / Sport / Landschaft / Nachtmodus / etc., meist durch Symbole auf dem Wahlrad der Kamera dargestellt) bei denen Deine Kamera im Prinzip auch macht, was sie(!) will. Benutzereingaben werden dabei weitestgehend abgeblockt.
Deine Kamera entscheidet dann selbständig, wie das Motiv erfasst wird und wie anschliessend das Aufnahmematerial zu einem Bild interpretiert wird.

Interpretieren?

Erst messen

Deine Digitalkamera besteht quasi aus zwei Geräten. Zuerst wird das Motiv erfasst, der Sensor sieht mit seinen Millionen von lichtempfindlichen Messezeilen ebenso viele kleine Punkte Deines Motivs. Die Anzahl der Bildpunkte entspricht dabei der Megapixelzahl Deiner Kamera.
Die lichtempfindlichen Zellen reagieren auf das auftreffende Licht und geben einen elektrischen Impuls ab. Dieser kann stark oder schwach seien, je nach auf diesen Punkt auftreffender Lichtmenge.
Anschließend wird in der Kamera die Intensität des elektrischen Impulses einer jeden Zelle gemessen und die ermittelten Zahlenwerte werden gespeichert.
So entsteht eine Art „Exceltabelle“ mit Millionen von Zahlenwerten. Der fotografische Teil der Aufnahme ist mit dem entstehen der Tabelle abgeschlossen, sie ist quasi das, was früher das Negativ war.

dann interpretieren

Doch (fast) niemand hat sich früher die Negative ins Album geklebt und so wird auch kaum jemand sich heutzutage eine solche Tabelle an die Wand hängen wollen. Das Ziel ist ein Bild.
Und das kann man durch „Malen nach Zahlen“ aus der Exceltabelle erzeugen, indem man die Messergebnisse interpretiert.
Ein hoher Zahlenwert bedeutet, das an diesem Punkt im Motiv bei der Aufnahme viel Licht war, dieser Punkt im Bild wird hell wiedergegeben.
Niedrigere Zahlenwerte sorgen entsprechend für eine dunklere Wiedergabe.
Wie hell oder dunkel ein Punkt tatsächlich wird, ist dabei von verschiedenen Faktoren, u.a auch den umgebenden Punkten abhängig. Letzten Endes ist es eine Frage der Interpretation der Zahlwerte, wie sich Hell und Dunkel im Bild verteilen..

Warum nicht vollautomatisch?

Und jetzt?

Solange die Ergebnisse der Automatik stimmen, ist gar nichts dagegen zu sagen. Aber wenn die Ergebnisse nicht so sind, wie erhofft, solltest Du wissen, an welchen Knöpfen Du drehen kannst/musst.
In der Vollautomatik und den Szenenprogrammen ist die Einflussmöglichkeit bei vielen Kameramodellen sehr eingeschränkt bzw. gar nicht vorhanden.
Wenn dann das Bild zu hell oder zu dunkel wird, hast Du (fast) keine Möglichkeit steuernd einzugreifen.

Außerdem sind die Ergebnisse der Szenenprogramme sowohl in Bezug auf die Gestaltung durch die Aufnahmetechnik als auch in Bezug auf die „Interpretation“ des digitalen Negativs oft auf den „Massengeschmack“ abgestimmt Und der kann in dem besonderen Fall Deines speziellen Motivs evtl. völlig falsch liegen.

Was ist das passende Belichtungsprogramm?

Nimm nicht eine der oben angeführten „Vollautomatiken“, sondern wechsle auf eine der anderen Einstellmöglichkeiten. Viele Kameras weisen auch die sogenannten „Halbautomatiken“ oder „Kreativprogramme“ auf. Hier wird nur die Belichtung automatisch gesteuert.

Was wird noch automatisch gemacht?

Neben der reinen Belichtungsautomatik, die die Einstellung von Blende und/oder Belichtungszeit (sowie evtl. die Empfindlichkeit der Kamera) steuert, gibt es noch andere Automatismen, die in den Szenenprogrammen und der Vollautomatik aktiv sind.

Von der Umstellung der Arbeitsweise des Autofokus (AF-S bzw. „OneShot“ oder AF-C bzw. „AF Servo“) und der Einstellung der Bildfolge (Einzelbild/Serienbild) bis hin zur Interpretation der Bilddaten wird hier vieles zusätzlich beeinflusst.

Im Szenenprogramm „Sport“ wird bei vielen Kameras der Autofokus auf kontinuierlich geschaltet, es wird der Serienbildmodus eingeschaltet und bei der Interpretation der Bilddaten des digitalen Negativs wird stärker geschärft und eine höhere Sättigung und ein höherer Kontrast angesteuert.

Ganz im Gegensatz dazu der Portraitmodus, wo in der Interpretation eher weniger geschärft und geringere Werte für Sättigung und Kontrast angewendet werden.
Oft sind diese Entwicklungseinstellungen durchaus sinnvoll, aber nicht immer.

Auch aus diesem Grund ist es sinnvoll, sich mit den reinen Belichtungsautomatiken zu beschäftigen.

Halbautomatiken und manuelle Steuerung

Zu diesen „Halbautomatiken“ gehört die Programmautomatik (die Kamera stellt die für die Belichtung wichtigen Werte von Blende und Belichtungszeit selber ein), die Blendenvorwahl (der Fotograf wählt die Blende vor und die Kamera steuert die Belichtungszeit – früher hieß das Zeitautomatik) und  die Zeitvorwahl (der Fotograf wählt die Belichtungszeit vor und die Kamera steuert die Blende – früher hieß diese Einstellung Blendenautomatik) .

Darüber hinaus erlauben viele Fotoapparate noch eine Einstellung auf die vollständig manuelle Eingabe der Belichtungswerte.
Der manuelle Modus wird mit „M“ gekennzeichnet, die Programmautomatik wird mit „P“ ausgewiesen. Für die Blendenvorwahl verwendet man in der Regel ein „A“ oder Av„, stellvertretend für das im englischen gebräuchlich  Wort „Aperture“ für Blende oder „Aperturevalue“ für Blendenwert. Für die Zeitvorwahl gibt es sogar drei Abkürzungen, „S“, „T“ oder „Tv„, entsprechend Shutter (Verschluß) oder Time(-value).

Wann Blendenvorwahl, wann Zeitvorwahl?

Schärfentiefe zur Reduktion

Der Einfluss der Schärfentiefe auf die Bildwirkung

Mit der Wahl der Blende kannst Du die Schärfentiefe beeinflussen, am stärksten mit lichtstarken Objektiven, an denen Du die Blende weit öffnen kannst. Kleine Blendenwerte (d.h. große Öffnungen) sorgen für einen geringe Schärfentiefe mit großer Unschärfe vor und hinter dem fokussierten Bereich, große Blendenwerte (kleine Öffnungen) dagegen erzeugen eine große Ausdehnung der Schärfe in die Tiefe des Bildes. Über die Schärfentiefe kann man die Aufmerksamkeit des Betrachters steuern und zum Beispiel unerwünschte Details  im Hintergrund (und/oder Vordergrund) ausblenden.

Gerne wird bei Portraits mit kleiner Schärfentiefe (also kleiner Blendenzahl) gespielt. Diese Wirkung ist bei kurzem Aufnahmeabstand und bei langen Brennweiten („rangezoomt“) deutlicher sichtbar.

Bei Landschaften dagegen sind viele froh, wenn die Schärfe sich bis in die Tiefe erstreckt, also mit großer Blendenzahl eine große Schärfentiefe erzeugt wird. (Wenn Du Dich dafür interesiserst, ist evtl. auch die „hyperfokale Distanz“ für Dich interessant.)
Mehr und ausführliches zum Thema Schärfentiefe findest Du in meinem Fotolehrgang.)

Ganz egal, welche Art der Schärfentiefe Dich interessiert, in jedem Fall musst Du, um die Schärfentiefe zu steuern, die richtige Blende wählen. Aus diesem Grund ist die Blendenvorwahl (A/Av) das richtige Belichtungsprogramm.

Zeitvorwahl

1/1000 Sekunde Belichtungszeit

Kurze Belichtungszeit

1/15 Sekunde Belichtungszeit, Kamera „mitgezogen“

Lange Belichtungszeit

Bei bewegten Motiven dagegen kann es wichtig sein, dass die Bewegung entweder durch eine ausreichend kurze Belichtungszeit eingefroren oder durch eine entsprechend lange Zeit verwischt wird. In dem Zusammenhang wäre also die Zeitvorwahl (S/T/Tv) richtig.

Und was ist mit der Programmautomatik?

Meiner Meinung nach solltest Du um das Belichtungsprogramm „P“ einen großen Bogen machen!
Du gibst damit sonst die Entscheidung für eine bestimmte Blendenöffnung oder für eine bestimmte Belichtungszeit aus der Hand.  Mit P kannst Du weder die Ausdehnung der Schärfentiefe noch die Darstellung der Bewegung (verwischt/eingefroren) steuern.

Anm.:
Ja, ich weiß, dass es einige Kameras erlauben, mittels eines „Overrides“ trotz P die Blende oder die Zeit zu beeinflussen. Aber dass ist dann quasi von hinten durch die Brust ins Auge geschossen.
Ich mag es lieber eindeutig und Direkt! Wenn ich die Bewegungsdarstellung beeinflussen will, wähe ich die Zeitvorwahl, wenn ich die Schärfentiefe steuern will, die Blendenvorwahl.)

Wie einstellen

Um mit diesen Möglichkeiten spielen zu können solltest Du wissen, wie Du diese Automatiken auswählst und anschließend die Blenden- oder Zeitwerte einstellst.
Die Blenden- bzw. Zeitvorwahl findet man an vielen Kameras auf einem speziellen Knopf, wie hier abgebildet.

Auswahl für Belichtungsprogramme

Eingestellt auf Blendenvorwahl

Auswahl für Belichtungsprogramme

Ebenfalls Blendenvorwahl

Bei einigen Kameramodellen muss man leider erst ins Menu, dort erscheint dann manchmal eine Art virtuelles Einstellrad. Wie das an Deiner Kamera genau funktioniert, musst du in der Bedienungsanleitung nachlesen, es gibt einfach zu viele unterschiedliche Möglichkeiten, um sie hier alle aufzuführen.

 

Auswahl für Belichtungsprogramme

Diese Modell kann nur Programmautomatik, eingestellt ist der manuelle Modus

Leider gibt es auch Kameras, an denen es nur die Einstellung für P gibt, also nur die Programmautomatik zur Verfügung steht. Das Spiel mit Schärfentiefe und verwischter/eingerforener Bewegung ist hier nicht (so einfach) möglich.
(Wie schon erwähnt: Bei einigen Modellen kann man die Kamera auch im Belichtungsprogramm „P“ durch Drehen am zentralen Einstellrad zu bestimmten Blenden-/Zeitkombinationen zwingen. Aber auf diese Art ist die Wahl von Blende oder Belichtungszeit ein wenig „von hinten durch die Brust ins Auge geschossen“.)

Deine Aufgabe

Du solltest nachsehen, wo Du die Einstellung für die Blendenvorwahl und die Zeitvorwahl findest und wie Du sie am schnellsten ändern kannst. Meist gibt es ein zentrales Einstellrad dafür. Aber bei machen Kmaeras geht das nur im Menu, den Weg dadurch solltest Du kennen.
Falls nicht: die Bedienungsanleitung ist nicht nur was für Weicheier.
Wenn Deine Kamera die beiden Automatiken nicht kennt, kannst Du evtl. auf die Programmautomatik umsteigen. Dann kannst Du zwar nicht direkt die Schärfentiefe oder die Bewegungsdarstellung steuern, aber evtl. hat Deine Kamera eine Overridefunktion. Besser als nichts.

Auch ohne Kamera kannst Du Fotografieren lernen. Versuche, wenn Du zum Beispiel beim Warten auf den Bus etwas Zeit hast, Dir zu überlegen, wie Du die Szene vor Dir fotografieren würdest. Bewegung? Schärfentiefe?

Wie man die Belichtung kontrolliert, ist Thema des nächsten Teils dieser Reihe.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Die für Urlaubsfotos relevanten Themen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

/ 05. Sep 2017

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